Manche Wege müssen mühsam geebnet werden, ehe man sie betreten kann. Das gilt auch für das Rechtssystem. Gesetze und Gerichtsurteile setzen Maßstäbe für das allgemeine Bewusstsein. Und umgekehrt wird neues Recht oft erst durch gesellschaftliches Umdenken ermöglicht. Als 1994 endlich der Paragraf gestrichen wurde, der Homosexualität unter Strafe stellte, hatte er schon längst wie ein Relikt gewirkt.

Ein weiteres Beispiel ist aktuell im Hamburger Landgericht zu beobachten. Dort ist ein Mann angeklagt, der einen Menschen totgefahren und zwei weitere lebensgefährlich verletzt hat. Der 24-Jährige war mit mehr als 140 Stundenkilometern durch Hamburg gerast, in einem gestohlenen Auto und ohne Führerschein. Er schoss über rote Ampeln, floh vor der Polizei, fuhr auf die Gegenfahrbahn und krachte frontal in einen Wagen. Nun muss er sich gegen eine Anklage verteidigen, die noch vor Kurzem undenkbar gewesen wäre: Mord. Darauf steht lebenslange Haft. Das gab es in Hamburg noch nie, auch bundesweit ist diese Entwicklung noch neu. Erstmals hat das Landgericht Berlin im Februar zwei Raser wegen Mordes verurteilt. Weil sie mit ihrer rücksichtslosen Fahrt in Kauf genommen hätten, dass andere zu Tode kommen. Der Fall liegt noch beim Bundesgerichtshof, aber das Urteil hat bereits jetzt ein wichtiges Signal gesendet.

Bisher kamen Raser beschämend glimpflich davon. Die Statistik zeigt klar, dass zu schnelles Fahren und Alkohol die Hauptursachen für Unfälle sind. Dennoch finden es viele in Ordnung, sich nach ein paar Bier hinters Steuer zu setzen oder in Eile schneller zu fahren als erlaubt. Jeder meint, die Gefahr einschätzen zu können. Geht es dann schief, gilt das meist als Fahrlässigkeit, als Augenblicksversagen, wie die Juristen es nennen. Nach dem Motto: Kann mal passieren.

Das ändert sich nun, ausgelöst durch das Phänomen der illegalen Autorennen. Ein Fall in Köln hatte die Debatte ausgelöst, als zwei Männer bei einem Rennen eine 19-jährige Frau totfuhren. Die beiden kamen mit Bewährungsstrafen davon. Fahrlässigkeit, hieß es einmal mehr. Was aber soll daran fahrlässig sein, wenn der Raser die tödliche Gefahr selbst heraufbeschworen hat?

Viel zu oft halten sich Gerichte mit ihren Strafen befremdlich zurück. Das Harburger Amtsgericht ließ Ende Oktober einen Todesfahrer mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, obwohl er zwei Menschen getötet und einen zum Krüppel gefahren hat. Der Raser stand sogar unter Bewährung, als er betrunken mit Tempo 150 durch Rothenburgsort raste und den tödlichen Crash verursachte. Dennoch musste er nicht in Haft. Das Gericht ging nur von fahrlässiger Tötung aus.

Dabei gibt es nicht nur die beiden Extreme – Fahrlässigkeit oder Mord. Dazwischen liegt der bedingte Tötungsvorsatz: Jemand handelt auch dann vorsätzlich, wenn er eine Folge seines Tuns "billigend in Kauf genommen hat". Dass dies auch für das Töten von Menschen im Straßenverkehr gelten muss, haben die Gerichte viel zu zögerlich erkannt.

Auch für die illegalen Rennen wären härtere Strafen nötig. Zwar wurden die Gesetze im August verschärft. Bis dahin war die Teilnahme nur eine Ordnungswidrigkeit, jetzt drohen den Rasern zwei Jahre Haft, bei einem Unfall sogar bis zu zehn Jahre. Doch das geht noch immer nicht weit genug. Entscheidend für eine Verurteilung ist nämlich die Teilnahme an einem illegalen Rennen. Und die ist in den wenigsten Fällen zu beweisen. Doch warum sollten Fahrer viel milder bestraft werden, wenn sie allein, ohne an einem Rennen teilzunehmen, das Gaspedal durchdrücken?

Es ist richtig, dass die Hamburger Staatsanwaltschaft im aktuellen Fall die falsche Rücksichtnahme auf Raser aufgegeben hat. Manch neues Recht muss eben mit gesellschaftlichen Diskursen erst erzwungen werden.