DIE ZEIT: Herr Kendi, für Ihr Buch Gebrandmarkt – Die wahre Geschichte des Rassismus in Amerika haben Sie den National Book Award erhalten. Gewiss gab es auch weniger erfreuliche Reaktionen.

Ibram X. Kendi: Natürlich. Ich habe Hass-Post erhalten. Das ist unweigerlich so, wenn man über Rassismus schreibt.

ZEIT: Sie haben, bekennen Sie, während der Arbeit auch bei sich selbst rassistische Ideen entdeckt. Welche?

Kendi: Dass schwarze Viertel gefährlicher seien als weiße zum Beispiel. Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass sich das Ausmaß von Drogenkonsum und -handel in weißen und schwarzen Gegenden nicht unterscheidet. Die Wahrscheinlichkeit aber, als Schwarzer deswegen ins Gefängnis zu kommen, ist um ein Vielfaches höher. Auch lässt sich kein Zusammenhang zwischen Hautfarbe und Gewaltverbrechen nachweisen, sehr wohl aber zwischen der Zahl der Verbrechen und der Arbeitslosenrate – egal bei welcher ethnischen Gruppe.

ZEIT: Ihr Buch trägt die Widmung "to the lives they say don’t matter". Haben die Polizeimorde der vergangenen Jahre Sie dazu bewogen, es zu schreiben?

Kendi: Nein. Es entstand aus einer Studie zu den Anfängen der African-American Studies. Seit den späten Sechzigern kritisierten mehr und mehr schwarze Studenten die Lehrpläne als rassistisch. Die Professoren waren schockiert, denn sie hielten sich natürlich keineswegs für Rassisten. Rassismus war für sie gleichbedeutend mit Eugenik, und die spielte kaum noch eine Rolle. Damit aber war der Rassismus nicht verschwunden, er hatte nur seine Gestalt verändert. Schwarze, hieß es nun, seien kulturell unterlegen. Rassismus ist nichts Feststehendes. Dem wollte ich durch die Geschichte hindurch nachgehen.

ZEIT: Sie beginnen bei Aristoteles, dem Begründer der Klimatheorie, der zufolge die Europäer allen Völkern überlegen seien, die in extremeren Klimazonen leben. Bildet ethnische Diskriminierung den Urgrund der westlichen Geschichte?

Kendi:Europas Geschichte wurde lange Zeit als die Geschichte von Imperien geschrieben. Und in diesen Imperien, dem griechischen wie später dem britischen, diente ethnische Diskriminierung zur Herrschaftssicherung. Sie gehört zum Wesen imperialer Herrschaft.

ZEIT: Steht eine so weit angelegte Rassismus-Geschichte wie die Ihre dabei nicht vor dem Problem, frühere Epochen mit den Maßstäben von heute zu messen?

Kendi: Zu glauben, jemand sei eben ein "Kind seiner Zeit" und damit für seinen Rassismus entschuldigt, ist eine ahistorische Annahme. Es gab immer auch "Kinder ihrer Zeit", die anders dachten und handelten. Der Kirchenvater Augustinus schrieb im 5. Jahrhundert, dass alle Menschen, egal welcher Hautfarbe und Gestalt, gleich seien. Die erste antirassistische Schrift gegen die Sklaverei entstand 1688: die Germantown Petition.

ZEIT: Rassistische Politik folge nicht rassistischen Ideen, lautet Ihre These, sondern rassistische Ideen würden produziert, um rassistische Politik zu legitimieren. Das widerspricht der gängigen Sichtweise.

Kendi: Man hat uns lange erzählt, dass die Ursachen von Rassismus Unwissenheit und Hass seien. Deshalb haben wir uns auf Bildung und Überzeugungsarbeit konzentriert. Wenn wir die Sache aber vom Kopf auf die Füße stellen – wenn wir also sehen, dass die Praxis, Menschen wegen ihrer Hautfarbe zu entmachten und zu diskriminieren, rassistische Ideen nach sich zieht, die diese Praxis rechtfertigen, und dass rassistische Ideen wiederum zu Unwissenheit und Hass führen –, dann muss man über andere Wege nachdenken, den Rassismus zu bekämpfen. Wir müssen uns auf die politische und ökonomische Praxis konzentrieren.

ZEIT: Zu den frühesten Praktiken ethnischer Diskriminierung zählt die Sklaverei. Wie ist zu erklären, dass ihr alsbald vor allem Schwarze zum Opfer fielen?

Kendi: Die Portugiesen, die im 15. Jahrhundert bis in den Subsahara-Bereich segelten, haben als Erste ausschließlich mit afrikanischen Sklaven gehandelt. Dunkelhäutige Sklaven hatten einen großen Vorteil: Es war schwieriger für sie, davonzulaufen und unerkannt zu bleiben – so wie es die hellhäutigen Slawen konnten, von deren Namen sich das Wort Sklave ableitet.

ZEIT: Die Europäer, die Amerika "entdeckten" und besiedelten, verstanden sich als christliche Heilsbringer. Wie haben sie ihren Glauben in Übereinstimmung mit der Sklaverei gebracht?

Kendi: In den nordamerikanischen Kolonien durften Christen zunächst nicht versklavt werden. Viele Sklavenhalter haben sich deshalb geweigert, ihre afrikanischen Sklaven taufen zu lassen, denn dann hätten sie sie freilassen müssen. Die Begründung, die sie dafür fanden, lautete, dass diese barbarischen "Neger" gar nicht imstande seien, Christen zu werden.

ZEIT: Damit war das Problem gelöst?

Kendi: Nein, denn gleichzeitig entdeckten die Missionare Afrika und seine Bewohner für sich. Die meisten der Kirchenmänner aber stellten sich nicht gegen die Sklaverei. So gerieten sie in einen Widerspruch, den sie theologisch auflösen mussten. Sie taten dies, indem sie zwischen der Seele und dem Körper des Sklaven unterschieden: Die Seele könne missioniert und "befreit" werden, sie werde dadurch gleichsam weiß. Der Körper aber bleibe schwarz und dürfe in Ketten liegen.