Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Letzte Woche fand ich beim Entleeren einer Jackentasche einen roten Chupa Chups. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, woher ich diesen "LUTHscher" hatte, wie der kleine Zettel daran die Süßware bezeichnet. Daneben Luthers Konterfei und der leicht aggressive Slogan "Wir prangern an ... seit 1517". Es schüttelte mich beim Anblick dieses sicher nett gemeinten Give-aways einen Moment, bevor ich den Lutscher wegwarf.

Und dann, im Zuge eines persönlichen Jahresrückblicks, ließ ich "mein" Lutherjahr noch einmal Revue passieren. Das, was ich dazu gelesen, gehört oder gesagt habe.

Zweimal interviewte mich der Deutschlandfunk zum Reformationsjubiläum. Ich habe das nicht an die große Glocke gehängt. Von Beruf bin ich Vikarin, und als Hobby mache ich eben was mit Medien. Kurz darauf bekam ich eine Mail von meinem Patenonkel, einem pensionierten Ministerialrat und ehemaligen Kirchenvorsteher, mit Anmerkungen zu einem der Interviews. Er hatte es zufällig im Radio gehört.

Einige Tage später erfuhr ich, dass auch ein Landwirt aus dem Nachbardorf das Interview gehört hatte. Während er auf einem Trecker saß, dessen Reifen so groß sind, dass sie mich weit überragen. In allen seinen Traktoren hat er das Radio auf Deutschlandfunk eingestellt. Diese Senderwahl erstaunte mich erst ein wenig, ich hätte jetzt gedacht, dass man bei der Arbeit eher Musik hört. Und gleichzeitig fand ich es nicht verwunderlich, denn ich kenne ihn als jemanden, der in verschiedenen Bezügen hoch engagiert ist und in Diskussionen eloquent Position bezieht. Außerdem ist dieser Landwirt ein überzeugter Lutheraner. Schade, dass niemand ihn im Zusammenhang mit dem Reformationsjubiläum einmal interviewt oder porträtiert hat. Er hätte über Religion und Gesellschaft mehr zu sagen gehabt als die offizielle Reformationsbotschafterin Frauke Ludowig, beispielsweise.

Es ist zumal gute protestantische Tradition, dass Bauern in Fragen des Glaubens und der Freiheit selbstbewusst das Wort ergreifen. Die Zwölf Artikel, die eine Gruppe oberschwäbischer Bauern 1525 in Memmingen verfassten, sind eine Art frühe Menschenrechtscharta – die erste in Europa. Martin Luther war angesichts ihrer Forderungen not amused und entschied sich gegen die Bauern und für die Obrigkeit. Die saß dann 492 Jahre später am 31. Oktober in der Schlosskirche in Wittenberg und lauschte den Thomanern. Die Agrikulturprotestanten sitzen derweil auf ihren Treckern und sorgen für die Milch im Kaffee und das Getreide im Frühstücksbrötchen. Jetzt hör ich auch auf mit der Reflexion über das Jubiläum. Versprochen.