Die Kette meines Freundes

von Jérôme Boateng

Meine Halskette ist der kostbarste Gegenstand, den ich besitze. An der Kette baumelt ein Anhänger, auf dem die Namen meiner Freundin und Kinder stehen – und die wichtigsten Daten unseres Lebens. Ich trage die Kette jeden Tag. Nur vor dem Fußballspielen muss ich sie leider ablegen. Mein bester Freund Alex hat sie mir vor zehn Jahren geschenkt. Einfach so, ohne Anlass. Alex hat gesagt, dass die Kette mir Kraft geben und mich beschützen solle. Das hat mich sehr gerührt.

Alex gehört zu den wichtigsten Menschen in meinem Leben. Ohne ihn wäre ich zum Teil nicht dort, wo ich heute bin. Ich kenne ihn seit 22 Jahren. Wir haben uns als Kinder auf dem Fußballplatz kennengelernt. Anfangs haben wir uns gestritten. Doch dann wurden wir schnell Freunde. In Berlin-Charlottenburg sind wir gemeinsam aufgewachsen, und wir sind auf dieselbe Schule gegangen.

Ich trage die Kette so gern, weil Alex immer zu mir gehalten hat. Wenn ich Streit mit anderen Kindern hatte, ergriff er Partei für mich. Er ist zwei Jahre älter als ich. Ein Beschützer. Ich vertraue ihm blind. Wenn ich verletzt bin, dann ermahnt er mich oft. Er sagt, ich solle nicht so ungeduldig sein. Und er hat mich schon oft vor Menschen gewarnt, die es nicht gut mit mir meinten.

Alex war bei den wichtigsten Momenten meines Lebens dabei – und ich bei seinen. Wir sind zusammen in den Urlaub gefahren, haben gemeinsam Hochzeiten besucht. Den WM-Sieg hat er mit mir in Brasilien gefeiert. Und er war im Krankenhaus, als meine Töchter geboren wurden.

Ich wünschte, wir könnten uns öfter sehen. So wie früher. Alex arbeitet heute in Berlin als Manager in der Versicherungsbranche, während ich in München lebe. Doch wir schreiben uns jeden Tag Whatsapp-Nachrichten, schicken uns Fotos. Außerdem besucht er oft meine Mutter – zusammen mit seinem Kind. Er wohnt nur eine Minute entfernt von ihr. Wir sind eine große Familie.

So eine Freundschaft findet man nur einmal im Leben. Die Kette erinnert mich daran. Sie ist mir heilig. Ich werde sie bis an mein Lebensende tragen.

Fußballweltmeister Jérôme Boateng spielt seit 2011 beim FC Bayern München als Innenverteidiger.

Aufgezeichnet von Merle Schmalenbach

Die Pfeife meines Vorbildes

von Hans Leyendecker

Wenn es um das Rauchen und um Raucher geht, kann ich ziemlich militant sein. Ich bin bekennender Nichtraucher. So habe ich mich selbst mit dem geliebten Heinrich Böll manchmal schwergetan, weil in seinen Geschichten der Geschmack von Zigaretten für Zärtlichkeit und für Genuss steht. Böll ist mir da fremd, obwohl ich natürlich weiß, wie unverzichtbar für ihn im Krieg und danach Zigaretten waren. Sie waren ihm zeitweise sogar kostbar.

Und dennoch habe ich meinem Büro eine alte Pfeife liegen: Marke Dunhill, Shell Briar, made in England. Der passende Pfeifenstopfer ist auch dabei.

Nun mag man sagen, dass Pfeifen etwas ganz anderes als Zigaretten sind. Das verstehe ich in der Theorie. Jedoch für Eiferer wie mich bleiben Zigarettenqualm und Pfeifenqualm fast dasselbe. Aber diese alte Dunhill-Pfeife, die ich jeden Tag sehe und manchmal auch betaste, gehört zu einer Sammlung von Pfeifen, die der "Spiegel"-Journalist Gerhard Mauz hatte und über die er manchmal fast liebevoll sprach. Seine Tochter hat mir am Tag seiner Beerdigung, im August 2003, die Pfeife nebst Zubehör geschenkt. Es war eine kleine Beerdigung, und weil Mauz nicht mehr in der Kirche war, half ich ein bisschen aus beim Beten und bei den Ritualen. Die Pfeife war so etwas wie Lohn und kostbares Geschenk.

Jeden Tag schaue ich auf diese Pfeife, die auf dem Schreibtisch liegt, und ich denke dann an Mauz, den ich bewundert und verehrt habe. Er war ein schwieriger Mann, aber wen er mochte, den ließ er nicht mehr los. Er war der wohl wichtigste Gerichtsreporter, den Deutschland hatte, und als junger Journalist träumte ich davon, so zu schreiben, wie er schrieb. Ich habe das nie gekonnt, aber ich war dankbar, wenn er mich bei meinem Gewerbe ernst nahm; und wenn er bei großen Affären schon mal sagte: "Leyendeckerchen, nimm dich jetzt nicht so wichtig", habe ich pariert.

An die Verkleinerungsform beim Namen, an die Lehrstunden, die Anekdoten erinnert mich also diese Pfeife, und was wäre ich glücklich, wenn er wieder dasäße, sich die Pfeife etwas umständlich stopfen und dann anzünden würde.

Hans Leyendecker hat sich als investigativer Journalist einen Namen gemacht. 2019 fungiert er als Präsident des Kirchentages in Dortmund.