Deutsche Rentner müssen jeden Euro umdrehen, die Kroaten oder Holländer dagegen können ihren Ruhestand mit fetten Renten genießen. So in etwa war der Tenor der Aufregung, die in der vergangenen Woche in den sozialen Medien aufkam. Auslöser war eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), welche die Rentensysteme der Mitgliedsländer vergleicht. Viele deutsche Medien berichteten über die Ergebnisse. So auch der Münchner Merkur. Die Zeitung druckte eine Infografik der Nachrichtenagentur AFP ab, in der die Renten verglichen werden, die Ruheständler in verschiedenen Ländern erwarten können, in Prozent des Nettoverdienstes vor dem Renteneintritt. Die Grafik befeuerte die Diskussion in den Netzwerken besonders.

Die Unterschiede sind gewaltig: Briten können nur 29 Prozent, Kroaten dagegen 129,2 Prozent ihres Nettoverdienstes als Rente erwarten. Deutschland bleibt mit 50,5 Prozent etwa 20 Prozentpunkte hinter dem EU-Durchschnitt zurück und erreicht nur gut die Hälfte des für die Niederlande prognostizierten Werts von 100,6 Prozent. Kann das sein?

Um das zu prüfen, muss man zunächst verstehen, wie die Autoren der Studie vorgegangen sind. Anders als in der Legende der Grafik angegeben, handelt es sich nämlich nicht um "Durchschnittswerte", sondern um Schätzungen für eine Muster-Arbeitnehmerin und einen Muster-Arbeitnehmer. Beide wurden 1996 geboren, haben 2016 eine Arbeit aufgenommen und werden ihr ganzes Berufsleben lang jeweils exakt den nationalen Durchschnittslohn verdienen. Sie werden in Rente gehen, sobald das abschlagsfrei möglich ist – in Deutschland also, der heutigen Gesetzeslage entsprechend, nach 45 Berufsjahren im Alter von 65 Jahren. Wie hoch wird nun die Rente ausfallen? Die Studie prognostiziert zunächst, wie viel der Muster-Arbeitnehmer im Jahr 2061 netto verdient. Dann prognostiziert sie die zu erwartende Netto-Rente und setzt beides ins Verhältnis. Heraus kommen die Prozentzahlen.

Die Tabelle bildet also eine Prognose für die ferne Zukunft ab. Auf den Lebensstandard künftiger Rentner lassen sich nur bedingt Rückschlüsse ziehen, da sich die Kaufkraft in verschiedenen Ländern wohl auch 2061 stark unterscheiden wird. Doch selbst wenn man diese Unsicherheiten berücksichtigt, bleiben noch die enormen Unterschiede zwischen den verschiedenen Staaten.

Sie sind allerdings bei genauerem Hinsehen gar nicht mehr so groß. So berücksichtigt die Tabelle nur verpflichtende, also in der Regel staatliche Renten. In einigen der schlecht platzierten Länder spielen aber private und betriebliche Renten eine große Rolle. Das haben die Autoren auch genau ausgerechnet, es ging nur in der Diskussion ziemlich unter. Denn wenn man private und betriebliche Renten einrechnet, steigt das zu erwartende Niveau in Großbritannien von 29,0 auf 62,2 Prozent. Rechnet man in Deutschland die freiwillige Vorsorge hinzu, dann steigt der Wert von 50,5 auf 65,4 Prozent. Der Wert der Niederlande dagegen bleibt bei 100,6 Prozent, denn hier sind Betriebsrenten bereits eingerechnet, weil die OECD sie als "quasi-verpflichtend" betrachtet. Andernfalls lägen die Niederländer viel weiter hinten: Laut der Studie kommen über 70 Prozent der Bruttorente einer niederländischen Muster-Arbeitnehmerin aus der betrieblichen und privaten Altersvorsorge.

Außerdem unterscheidet sich das angenommene Renteneintrittsalter in der Prognose stark. Die Niederländer haben es per Gesetz an die Lebenserwartung gekoppelt, weshalb die OECD für die Muster-Arbeitnehmer von einem Renteneintritt mit 71 Jahren ausgeht. Für Deutschland nimmt die Prognose einen Rentenbeginn mit 65 an – sechs Jahre früher. Durch ein höheres Renteneintrittsalter aber lassen sich leicht höhere Renten finanzieren, da Menschen länger Beiträge zahlen und kürzer Renten beziehen. Und auch für Deutschland ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Renteneintrittsalter bis 2061 noch steigen wird.

Dennoch ist es plausibel, dass Deutschland im Vergleich mit den anderen OECD-Ländern keinen Spitzenwert erreichen würde. Das liegt am demografischen Wandel: In Deutschland kommen in Zukunft wenige Junge auf viele Alte, zudem ist das Rentensystem stark von der Altersstruktur abhängig. Länder mit vielen Geburten oder einem kapitalbildenden Rentensystem haben es einfacher.

In den sozialen Netzwerken kursierte nur ein Ausschnitt mit der Grafik aus dem Münchner Merkur. Sie allein ist irreführend; sie lässt die Lage einerseits dramatischer erscheinen, als sie ist. Andererseits bildet die Grafik die beiden für Deutschland vielleicht bemerkenswertesten Befunde der Studie gar nicht ab: Laut der OECD stehen hierzulande in Zukunft vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen schlecht da. Im Unterschied zu vielen anderen Ländern gibt es keine Mindestrente. Geringverdienern, die lange kaum in die Rentenkasse einzahlen konnten, bleibt daher häufig nur die sehr niedrige Grundsicherung im Alter. Zudem wird in der Musterrechnung angenommen, dass Männer und Frauen den gleichen Lohn und somit später die gleiche Rente bekommen. Tatsächlich ist die Differenz gerade in Deutschland zurzeit besonders hoch.

Bleibt noch die Frage, wie sich der sagenhaft hohe Wert für Kroatien erklärt. Die Infografik der AFP vermerkt als Quelle nur die OECD. Deren Studie beschäftigt sich mit allen 35 Mitgliedsstaaten, doch Kroatien gehört gar nicht dazu. Der Pressesprecher bei der OECD kann sich den Wert zunächst nicht erklären. Dann lässt er wissen, dass hier leider ein Fehler unterlaufen sei: In der Studie habe es einen Link zu einer Tabelle gegeben, die fälschlicherweise Daten für EU-Länder enthalten habe, die gar nicht in der OECD seien. Zum Teil seien diese Zahlen auch noch falsch gewesen. Der korrekte Wert für das in der Tabelle abgebildete prognostizierte Rentenniveau für Kroatien liege demnach nicht bei 129,2 Prozent. Sondern bei 58,0 Prozent.