Wenn ein Muslim ein Bild von Jesus Christus erwirbt, dann muss er besondere Gründe dafür haben. Wenn dann auch noch der mächtigste Mann Saudi-Arabiens hinter dem Kauf steht, wird die Kunst politisch. Und da der Rekordkaufpreis von über 450 Millionen Dollar für das Heiligenbildnis knapp ein Prozent des vorhergesagten saudischen Haushaltsdefizits von 2017 ausmacht, wird der Prophet Issa (Jesus) zur Finanzsensation im Land der heiligen Stätten des Islams.

In der vergangenen Woche hat die New York Times den Käufer ausgemacht, der beim Auktionshaus Christie’s im November das Bild Salvator Mundi von Leonardo da Vinci kaufte. Das teuerste Gemälde der Welt gehört einem Prinzen namens Bader bin Abdullah bin Mohammed bin Farhan al-Saud. Der war den Kunsthändlern bisher nicht als Sammler aufgefallen. Eigentlich war er überhaupt niemandem so richtig aufgefallen. Bader bin Abdullah ist ein Prinz aus einer Nebenlinie der Al-Saud-Dynastie, der von König Salman mit verschiedenen Projekten von zweitrangiger Bedeutung beauftragt wurde, im Tourismus, in den Medien, in der Energiewirtschaft. Aber der Kunsthandel, der ist neu für ihn.

Sogleich gehen Gerüchte um, in wessen Auftrag Prinz Bader das Bild wohl gekauft haben könnte. Amerikanische Journalisten tippen auf Mohammed bin Salman, den Kronprinzen, Königssohn und eigentlichen Herrscher in Riad. Die saudische Botschaft in Washington verweist aber auf die Kulturbehörde von Abu Dhabi, der Machtzentrale der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Ein Ablenkungsmanöver? Dann verkündet der brandneue Louvre von Abu Dhabi, eine Art Franchise-Nehmer des berühmten Museums in Paris, dass er den Salvator Mundi demnächst ausstellen möchte.

Doch ganz gleich, wer den Auftrag gegeben hat: Wenn ein Mitglied der saudischen Königsfamilie ein Bildnis von Jesus Christus für 450 Millionen Dollar kauft, wird das nicht ohne Wissen und Einverständnis Mohammed bin Salmans (Koseabkürzung MbS), des starken Mannes von Saudi-Arabien, passieren. Das wirft die Frage auf, was ihn treibt, einem solchen Erwerb zuzustimmen.

Mohammed bin Salman hat Anfang November eine kontrollierte Palastrevolution gestartet. Er ließ Mitglieder der Königsfamilie, ehemalige Minister und Multimilliardäre festnehmen und im goldenen Käfig in Gestalt des Hotels Ritz Carlton in Riad einsperren. Offizieller Grund: Korruption. Mohammed bin Salman posiert als Anti-Korruptionskämpfer, was ihn beim einfachen Volk beliebt macht. Auch will er Ausgaben kürzen, um das Loch im saudischen Haushalt zu schließen. Doch sparen sollen offenbar die anderen. Ihm selbst sind exzentrische Verführungen nicht fremd. Vor einem Jahr kaufte er einem russischen Milliardär die Hochsee-Jacht Serene für rund 550 Millionen Dollar ab. Der überraschende Ankauf des Salvator Mundi mit saudischem Geld durch einen Mittelsmann könnte ein weiterer dieser Impulskäufe sein – nicht fürs heimische Wohnzimmer, aber für den saudischen Staat.

Politisch ergibt der Erwerb Sinn, wenn das Gemälde bald im Louvre von Abu Dhabi hängt. Mit dem Kronprinzen von Abu Dhabi verfolgt der saudische Kronprinz politische Interessen. Beide sind Feinde des iranischen Vorherrschaftsanspruchs im Mittleren Osten. Beide kämpfen im Jemen gegen die vom Iran unterstützten Huthis und lassen das geschundene Land bombardieren. Und beide haben das kleine Katar für seine Nähe zum Iran und den provozierenden Sender Al-Dschasira mit einer Wirtschaftsblockade abgestraft. Der saudische Kronprinz hat ein Interesse daran, wenn der neue Louvre in Abu Dhabi die Aufmerksamkeit ablenkt von dem spektakulären katarischen Musentempel in Doha, dem Museum für islamische Kunst.

Leonardo da Vincis "Retter der Welt" könnte dem Herrscher in Riad aber auch im eigenen Land nützen. Mohammed bin Salman hat die erzkonservativen Kleriker Saudi-Arabiens als Haupthindernis seiner Wirtschaftsreformen identifiziert. Er hat etwa die Religionspolizei entmachtet, die früher peinlich die verkaufsfeindlichen religiösen Ladenschlusszeiten überwachte, und das Fahrverbot für Frauen abgeschafft. Wenn nun der auf dem Kunstmarkt völlig unbeschlagene Prinz Bader ein Christusbild womöglich mit Wissen des Königshauses erworben hat, provoziert er damit das wahhabitische Establishment und bricht doch nicht mit dem Islam. Ein Bildnis von Jesus im Besitz des Herrscherhauses ist ein Schlag gegen die Betonkleriker, die Bildnisse von Gesichtern und Körpern ablehnen. Zudem wird Issa alias Jesus im Islam als Prophet anerkannt.

Ganz allmählich bricht das Bilderverbot auf. Während Museen meist nur florale Muster zeigen, Werbung nur Waren präsentiert und Frauen nach dem Willen der Wahhabiten komplett verhüllt sein sollen, weichen die Saudis immer mehr in die digitale Welt aus, um andere Menschen zu sehen. Die öffentliche Zurschaustellung von Gesichtern scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Vorerst kommt Christus nur bis Abu Dhabi und wird ein Schaustück im neuen Louvre werden. Doch da das Gemälde im saudischen Besitz ist, darf damit gerechnet werden, dass die Saudis es sich irgendwann ins eigene Land holen. Der Salvator Mundi, ein über 500 Jahre altes Bild, könnte so ironischerweise zu einem Symbolbild für die Modernisierung der konservativen Golfmonarchien werden.

Zunächst werden die Saudis andere Bilder sehen, die ihnen bislang verwehrt waren. Mohammed bin Salman hat Anfang der Woche die Wahhabiten erneut geschockt. Ab März dürfen die Saudis ins Kino gehen. Der Verkauf der Kino-Lizenzen hat gerade begonnen.