DIE ZEIT: Herr Nusseibeh, Sie haben für die Zwei-Staaten-Lösung gekämpft. Als diese Mitte der neunziger Jahre möglich schien, wechselten Sie aus der Politik in die Wissenschaft und bauten in Jerusalem die palästinensische Al-Kuds-Universität auf. Was bedeutete Ihnen dieser Schritt?

Sari Nusseibeh: Wir gingen damals fest davon aus, dass Ostjerusalem früher oder später die Hauptstadt Palästinas sein würde. Der Gedanke, dort eine akademische Gemeinschaft aufzubauen, hat mich gereizt. Wir wollten Jerusalem wieder zu einem intellektuellen und geistigen Zentrum machen.

ZEIT: Seither ist viel passiert. Eine Mauer wurde gezogen, und kürzlich hat US-Präsident Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. War Jerusalem als Uni-Standort wirklich die richtige Wahl?

Nusseibeh: Ich habe fest daran geglaubt, deshalb habe ich mich auch so dafür eingesetzt. Aber schon nach einem Jahr fand ich mich im Gerichtssaal wieder, in einem Kampf gegen Israels Weigerung, unsere akademischen Abschlüsse anzuerkennen. Dieser Kampf hält bis heute an.

ZEIT: Wie würden Sie den gegenwärtigen politischen Status von Ostjerusalem beschreiben?

Nusseibeh: Es herrscht ein Machtvakuum, Ostjerusalem ist führungslos. Nach dem Tod des Palästinenserführers Arafat gibt es aus den Reihen der politischen Elite nicht mehr die gleiche Unterstützung für Jerusalem wie zuvor. Die Stadt wurde links liegen gelassen und hat keinen Status.

ZEIT: Palästinensische Politik spielt anderswo.

Nusseibeh: Ja, ihr Zentrum ist nach dem Oslo-Prozess nach Ramallah umgezogen. Die Institutionen, die Zivilgesellschaft, wenn es sie denn gibt, haben Jerusalem verlassen.

ZEIT: Wofür steht Jerusalem dann noch?

Nusseibeh: In den achtziger Jahren wurde die Idee einer nationalen Identität geboren und eines eigenständigen Staates in den Grenzen von 1967 mit Ostjerusalem als Hauptstadt. Ostjerusalem ist für mich der Schlüssel dafür, ob es jemals eine Zwei-Staaten-Lösung geben wird. Übrigens kamen die Palästinenser nicht auf die Welt und fanden die Zwei-Staaten-Lösung gut. Es war ein langer, harter Kampf innerhalb der Gesellschaft.

ZEIT: Wann wurde Ihnen klar, dass das Oslo-Abkommen keine Zukunft hat?

Nusseibeh: Im Jahr 2000. Da habe ich realisiert: Sollten wir tatsächlich irgendwann einmal zu einer Zwei-Staaten-Lösung kommen, würde es nicht diejenige sein, die wir uns in den achtziger Jahren vorgestellt hatten und für die wir verhandelt hatten. Dagegen sprach die israelische Siedlungspolitik, und das zeigten auch meine Erfahrungen als Uni-Präsident mit den israelischen Behörden in Jerusalem.

ZEIT: Glauben Sie, dass Palästina jemals ein für sich allein lebensfähiger Staat werden kann?

Nusseibeh: Israel ist auch kein allein überlebensfähiger Staat, es ist abhängig von der Unterstützung durch die USA. Wir Palästinenser haben immer gedacht, dass wir als Staat mit ausländischer Unterstützung irgendwie würden existieren können. Natürlich haben wir nie geglaubt, vollständig unabhängig zu sein. Wir werden immer auf Kooperationen mit Nachbarstaaten angewiesen sein, dazu zählt neben den arabischen Ländern und der internationalen Gemeinschaft auch Israel. Wenn wir jetzt in Verhandlungen überhaupt noch etwas für uns Palästinenser erreichen können, wird das sehr wenig sein. Für die Zukunft von Jerusalem heißt das: Wir werden nur einen winzigen Rest von jener Bedeutung retten können, die Jerusalem einst für uns hatte. Damit wir überhaupt etwas herausschlagen können, sind jetzt pragmatische Schritte notwendig. Ich glaube übrigens, jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für Verhandlungen.

ZEIT: Warum gerade jetzt?

Nusseibeh: Ich verstehe heute, dass Jerusalem für Israelis eine Art Testfeld ist. Hier probieren sie aus, was aus ihrer Sicht funktionieren könnte. Während die jüdischen Siedlungen im Westjordanland noch von palästinensischen Landstrichen unterbrochen sind, breiten sich israelische Siedlungen in Ostjerusalem rasant um uns herum aus.