Meine ich das ernst? Ich spule das Video ein paar Sekunden zurück: "Gehört zu den ersten, die Teil dieser kleinen Teevolution sind", höre ich mich sagen. Und dann, grinsend zum Regisseur hinter der Kamera: "Natürlich ist das eine kleine Teevolution!" – gefolgt von einem seriösen Lächeln. Ich muss jedes Mal ein bisschen lachen, wenn ich mich da so auf meinem Bildschirm sehe. Natürlich hat kein Regisseur hinter der Kamera gestanden. Ist das nun ziemlich genial oder entsetzlich erbärmlich?

Ich unterlege alles mit Gitarrenmusik aus der kostenlosen Bibliothek des Filmprogramms iMovie. Dann ist es fertig, mein Crowdfunding-Video, mit dem ich im Internet Leute davon überzeugen will, in meine revolutionäre Idee zu investieren: einen Deckel namens Teevolver, mit dem man die klassische Milchpfandflasche in eine Karaffe für Cold Brew Tea verwandeln kann.

Eigentlich hätte auch der Deckel Teevolution heißen sollen. Doch ergab eine Recherche im Marken-Register: Die Teevolution ist bereits eine eingetragene Marke. Also Teevolver – die coolere Art, Tee zu trinken. Eiskalt, direkt aus der Flasche. Die bessere Cola. Das ist die Idee.

Den Prototypen habe ich produziert. Doch nun brauche ich Geld für eine erste kleine Serie.

Auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter oder dem deutschen Pendant Startnext stellen Leute ihre mehr oder weniger ausgereiften, aber revolutionären Ideen vor. Findet man sie gut, sichert man ihnen eine Spende oder eine Bestellung zu. Eingezogen wird das Geld erst, wenn ein Mindestbetrag zusammenkommt.

Ich schaute mich auf Kickstarter um. "Start a fidget revolution", haben dort die Macher des Fidget Cube gefordert, eines Würfels mit Knöpfen zum nervösen Klicken, um Stress abzubauen. Mehr als 150 000 Leute bestellten den Nonsens, mehr als sechs Millionen Dollar kamen zusammen. Es lag also nahe, dass auch ich mich im Crowdfunding versuche.

Das Wichtigste scheint mir erst mal: ein Logo. Zehntausende Grafiker bieten auf dem Online-Martkplatz Fiverr an, als Freelancer welche zu gestalten. Darunter auch ein junger Mann aus Sri Lanka namens manoj2016, der für nur 10 Dollar verspricht: "I will design LOGO modern and clean." Weil er 5 Sterne von 2215 zufriedenen Kunden hat, beauftrage ich ihn. Die Bestellung ist einfacher als ein Briefmarken-Kauf bei post.de. Ich schreibe manoj2016 noch, dass er etwas mit Teeblättern gestalten könnte, lasse ihm aber künstlerisch freie Hand. In spätestens fünf Tagen soll er liefern. Zeit, mich meiner Excel-Tabelle zu widmen, um mein Crowdfunding zu kalkulieren.

Ich muss billiger sein als die etwas edleren Flaschen, die es auf Amazon gibt. Sagen wir: 15 Euro.

Die Kosten: Am teuersten dürfte die Herstellung des Kunststoffrings werden, der auf die Flasche gedreht wird. Meine eigentliche Erfindung. Wenn ich die Ringe fräsen lasse, bedeutet das: vier bis fünf Euro das Stück. Sieb und Silikondichtung kosten je 20 Cent, der Korken zum Verschließen 35 Cent. Fünf Prozent des Umsatzes gehen an die Crowdfunding-Plattform, vier Prozent an den Zahlungsanbieter. Meine ganze Marge, stelle ich fest, liegt in der Pfandflasche (36 Cent beim Flaschenhändler). Wenn ich alle Kosten vom Verkaufspreis abziehe, bleiben: Sieben Euro pro Stück!