Ich hatte nie ein besonders gutes Verhältnis zu meinem Vater, und irgendwann bekam ich diese Postkarte aus Thailand. Mein Vater schrieb: "Ich habe eine Frau kennengelernt, die so alt ist wie Du." Ich dachte: Oh Gott, mein Vater hat sich eine Frau in Thailand gekauft!

Mein Vater war mir eigentlich immer peinlich. Er machte sich über meine Freunde lustig, er war launisch und manchmal tyrannisch. 19 Jahre lang haben wir zusammengewohnt, und trotzdem hatte ich das Gefühl, er könnte mich einem Fremden nicht so beschreiben, wie ich bin.

Nach der Scheidung von meiner Mutter ist mein Vater häufig nach Thailand gefahren. Er sagt immer, er habe nicht konkret nach einer Frau gesucht, sondern das habe sich so ergeben. Ich glaube, er wollte nicht allein einschlafen im Alter, in unserem Dorf in der Eifel. Er hat das Abenteuer gesucht und eine thailändische Frau gefunden. Anfangs dachte ich, es gehe ihm nur um Sex. Aber dann wurde mir langsam klar, dass mein Vater nicht nur nach Thailand gefahren ist, um sich da auszutoben. Er hat Thailändisch gelernt, hat seine neue Freundin jeden Tag angerufen, wenn er in Deutschland war. Ich verstand, dass er sich verliebt hatte. Ihr Name ist Tuk Ta. Sie ist gerade einmal zwei Jahre älter als ich und sieht doch viel erwachsener aus.

Da ich Filmemacherin bin, beschloss ich, einen Film über meinen Vater und seine neue Liebe zu drehen. Als Regisseurin war es einfacher für mich, meinem Vater auf Augenhöhe zu begegnen. Ich konnte ihm Fragen stellen, die ich mich sonst nicht zu stellen getraut hätte. Mein Vater fing an, mich ernst zu nehmen. Und ich lernte Tuk Ta wirklich kennen.

Sie kommt aus einem kleinen Dorf, ihre Eltern haben ein paar Hühner und Reisfelder. Sie hat einen Sohn, der größtenteils bei ihren Eltern aufgewachsen ist, während sie in Fabriken oder Küchen in Bangkok arbeitete. Das Geld schickte sie nach Hause. Dann lernte sie meinen Vater kennen. Er hat ein gutes Herz, sagt Tuk Ta.

Heute habe ich begriffen, dass ihre Beziehung eine Art Tauschgeschäft ist, bei dem sich beide eine Ebene schaffen, auf der sie von Liebe sprechen können. Ich verurteile sie nicht mehr. Mittlerweile hat mein Vater Tuk Ta geheiratet. Sie leben in unserem Heimatdorf Steckenborn.

Wenn Sie in unserer Rubrik berichten möchten, "Wie es wirklich ist", melden Sie sich bei uns: wirklich@zeit.de

Protokoll: Benedict Wermter