Philipp Maderthaner sieht an diesem Montagabend nicht viel älter oder erfahrener aus als die rund 200 vorwiegend jungen Gesichter, die an seinen Lippen hängen. Doch der 36-jährige Stargast beim Event der Marketing Natives, einer Plattform hochstrebender Werber, stellt auf der Bühne des Wiener Novomatic Forums gleich zu Beginn klar: 150 Kampagnen habe er schon auf dem Buckel. Klar, dass er in der kommenden Stunde auch ein paar Tricks und Kniffe seines bisherigen Meisterstücks zum Besten geben wird: des Durchmarsches von Sebastian Kurz an die Spitze der Regierung.

Der Niederösterreicher Maderthaner ist der Architekt hinter der Kampagne, die den ÖVP-Chef in diesem Herbst zum großen Wahlsieger und zum Kanzler gemacht hat. Im fünfköpfigen inneren Zirkel hinter Kurz war Maderthaner für die Wahlkampfmethoden zuständig. Methoden, die offensichtlich gewirkt haben: 250.000 Unterstützer habe man im Laufe der fünfmonatigen Kampagne neu rekrutiert, erzählt er – das heißt, mit gleich einem Sechstel aller Wähler der Volkspartei gab es vorab direkten Kontakt, entweder über E-Mail oder über den Nachrichtendienst WhatsApp.

Es sind zwei in Österreich bislang eher lose Enden, die der politische Werbeprofi verknüpft, der sich selbst lieber "Campaigner" nennt, seit er nach einer frühen Karriere in der ÖVP seine Kampagnenagentur gegründet hat: Traditionelle Parteiwerbung trifft Big Data als Instrument, um die Massen einzuspannen.

Maderthaner verkörpert jenen neuen Stil, in dem Politik gehandhabt wird wie jedes andere Produkt, das verkauft werden soll. "Menschen wählen keine Programme. Sie wählen Überzeugungen, Werte und Personen, die das repräsentieren", lautet seine Losung.

Die Firma, die er vor fünf Jahren gegründet hat, sitzt in einem etwas venezianisch inspirierten Palazzo im ersten Wiener Bezirk. 30 Mitarbeiter beschäftigt das Campaigning Bureau, in Berlin gibt es einen Nebensitz. Die Kunden heißen Austrian Airlines oder Rotes Kreuz, auch der Projektbetreiber des umstrittenen Heumarkts Neu in Wien ist darunter. Für den Schweizer Unternehmerverband economiesuisse machte Maderthaner gegen das bedingungslose Grundeinkommen Stimmung, für schwarze Politiker sammelt er genauso Fans wie für Coca-Cola.

Darin mag sich ein gewisser ideologischer Radius festmachen lassen, doch eine politische Agenda gibt Philipp Maderthaner nicht zu erkennen. Statt Inhalte interessiert ihn der Weg zum Erfolg. Das passt zum schmalen Narrativ des Kurz-Wahlkampfs: "Veränderung" und "neu" waren die Schlüsselwörter, auf die sich der baldige Kanzler bei fast jeder Frage hinredete, gepaart mit dem Hinweis auf die Balkanroute und Bedrohungen durch Zuwanderer und Muslime. Im Wahlkampf werde es zunehmend schwieriger, Inhalte durchzubringen, sagt Maderthaner: "Am Ende muss es konsumierbar bleiben für die Wähler."

Die neue Währung sei "Mobilisierungskraft". Worum es dabei geht: Menschen – egal ob potenzielle Kunden, Spender oder eben Wähler – in kleinsten Schritten dazu zu bringen, aktiv zu werden. "Mobilisierung ist ein Handwerk", lautet einer seiner Lieblingssätze, ihn faszinierten die "Schalter und Hebel", die man bewegen muss, um Menschen zu gewinnen.

Auch auf dem Podium weiß Maderthaner, wie er das Publikum vor ihm einnehmen kann. Nach außen hin ist er nicht der Typ, in dem man den kühl kalkulierenden Strategen vermuten würde. Er gibt den umgänglichen Yuppie, der mit seinem sehr engen Sakko, dunkelblauen Kroko-Loafern und bubenhaften Gesichtszügen in der Mensa der Wirtschaftsuniversität nicht weiter auffallen würde.

Das spröde Thema Wählermobilisierung wird bei ihm zum spritzig vorgetragenen Kunststück, unterlegt mit Zahlen, die beeindrucken sollen. Etwa die 6,7 Millionen Datenpunkte, also persönliche Informationen, die vor den Wahlen durch digitale Interaktionen mit den potentiellen Kurz-Wählern gesammelt wurden. "Das Verhalten ist wichtiger als demografische Faktoren", sagt Maderthaner.

Für die Auswertung und Nutzung solcher Daten kooperierte er anfangs noch mit der US-Agentur Blue State Digital, die für den Obama-Wahlkampf 2008 die Online-Strippen zog. Mittlerweile hat sein Campaigning Bureau eine eigene Software entwickelt, ein verhaltensorientiertes Datenbanksystem, angepasst an die europäische Rechtslage in Sachen Privacy und Datenspeicherung.