DIE ZEIT: Freuen Sie sich auf Weihnachten, oder graut Ihnen davor?

Lisa Gruenagel: Mir graut ein bisschen davor. Ich habe das Gefühl, dass es jedes Jahr anstrengender wird, mehr Stress im Vorfeld, mehr Konsumzwang.

Maria Siege: Ich bin zwiegespalten. Das Geschenkebesorgen ist zwar eine große Hetzerei, aber als wir Erwachsenen in einem Jahr mal beschlossen haben, uns nichts zu schenken, fehlte auch etwas.

Julius Schneider: Mir ist Weihnachten wichtig, vor allem als religiöses Fest und weil sich da die ganze Familie trifft. Das passiert bei uns nur einmal im Jahr. Stress empfinde ich keinen, allerdings muss ich auch nicht wie meine Mutter für alle die Geschenke besorgen. Mein Vater hält sich eher zurück.

Stefan Schneider: Bei uns in der Familie habe ich mich immer zusammen mit meiner Frau um die Geschenke gekümmert – und das hat mir großen Spaß gemacht. Tut es noch heute.

ZEIT: Und wie ist es in diesen Tagen bei Ihnen im Spielzeugladen, auch ganz entspannt?

Stefan Schneider: Es ist ordentlich was los. 30 Prozent des Jahresumsatzes machen wir im November und Dezember. Und davon wiederum den größten Teil in den drei Wochen vor Weihnachten.

Siege: Als Kind habe ich mir immer gewünscht, dass meine Mutter eine Eisdiele besitzt. Für Ihre Kinder muss es doch großartig gewesen sein, dass der Papa einen Spielzeugladen betreibt!

Stefan Schneider: Meine Söhne haben damit vor ihren Freunden sicher mal angegeben. Aber für sie war es ja normal. Die hatten im Laden Zugriff auf alles, was sich andere Kinder sehnlichst wünschten.

Siege: Wenn ich mit meinem Sohn in einen Spielzeugladen gehe, bekommen wir meistens Streit.

Stefan Schneider: Ja, solche Konflikte erlebe ich öfter. Es gibt schon viel Gequengel in einem Spielzeuggeschäft. Für Kinder ist es ein Paradies, für viele Eltern manchmal eine Herausforderung.

ZEIT: Warum wird gequengelt?

Stefan Schneider: Weil die Kinder etwas wollen und die Eltern es nicht kaufen. Oder die Eltern wollen gehen und die Kinder nicht. Sie können bei uns viele Erziehungsfehler beobachten.

ZEIT: Der häufigste?

Stefan Schneider: Nicht Nein sagen zu können. Das Kind soll irgendetwas nicht bekommen, schreit und bekommt es dann doch.

ZEIT: Mischen Sie sich manchmal ein?

Stefan Schneider: Nein, nie! Auch wenn ich es schlimm finde, wenn eine Mutter mit einem Zweijährigen nicht zurechtkommt. Aber dazwischengehen, das erlaube ich mir nicht mehr. Eine Mutter sagte einmal: Sprechen Sie mein Kind nicht an! Dem wollte ich nur ein Spiel erklären.

ZEIT: Vor Weihnachten liegen die Nerven blank, dabei könnte man auch sagen, "Geschenke sind Gefühle zum Anfassen" – so hat es zumindest der Soziologe Helmuth Berking einmal formuliert ...

Siege: Das klingt schön, und so sollte es sein. Bei mir endet es aber immer damit, dass ich am 24. verzweifelt durch die Geschäfte renne. Ich fände es viel besser, wenn man im Laufe des Jahres mehr schenkt und an Weihnachten nicht ein solcher Zwang bestünde.

Julius Schneider: Für mich gehören Geschenke schon zum Fest, und das Schenken kann auch ganz besinnlich sein. Wenn man sich Gedanken über andere Menschen macht und überlegt, was wem gefallen könnte.

Stefan Schneider: Mein Vater hatte ein kleines Notizbuch, in dem er übers Jahr hinweg aufgeschrieben hat, wer welche Wünschen geäußert hat. Ich hatte vieles bis Weihnachten längst vergessen. Wenn ich dann auspackte, hab ich mich riesig gefreut und gleichzeitig gefragt, woher mein Vater wusste, dass ich mir das gewünscht hatte.

Gruenagel: Ich versuche auch immer ein bisschen vorzukaufen. Ich bin leider ziemlich unorganisiert, allein deshalb muss ich schnell reagieren, wenn ich einen guten Gedanken habe. Bei meinen Kindern sprudelt ja sowieso von Januar bis Dezember jeden Tag irgendein Wunsch heraus. Gestern zum Beispiel hat sich mein Sohn eine Glückskeksefabrik gewünscht.

ZEIT: Die Weihnachtszeit hat viel mit warten zu tun, sich gedulden können. Das ist eine Tugend, die so gar nicht mehr zu unserer schnelllebigen Zeit passt. Können Kinder noch gut warten?

Gruenagel: Man lässt ja gar nicht mehr zu, dass sie sich mal in Geduld üben. Von überallher kommen in der Vorweihnachtszeit die Geschenke: aus dem Adventskalender, aus dem Nikolausstiefel, von Feiern in der Schule und im Sportverein. Man kann das als Elternteil gar nicht mehr steuern.

ZEIT: Die steigende Zahl der Geschenke zeigt sich auch im Geld. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass jeder Deutsche in diesem Jahr durchschnittlich 280 Euro in Geschenke investieren wird.

Siege: Da liege ich auf jeden Fall drunter.

Stefan Schneider: Ich nicht.

Gruenagel: Für mich ist das nicht machbar.

Julius Schneider: Also, wenn ich mir einen Laptop wünsche, wie im letzten Jahr, dann weiß ich natürlich, dass der teuer ist. Damit allein liegen wir schon über den 280 Euro.