Viele Künstler, die gerade erst oder ein zweites Mal von der Szene entdeckt werden, sind erstaunlich alt. Judy Chicago etwa hat jüngst in der amerikanischen Galerie Jessica Silverman ausgestellt, deren Markenzeichen die Entdeckung "aufregender" Talente ist. Bei Chicago, Jahrgang 1939, hat sie sich offenbar etwas Zeit damit gelassen. Der Maler Wesley Duke Lee, dessen Werke die brasilianische Galerie Ricardo Carmago jüngst auf der wichtigen Messe Art Basel in Miami zeigte, erlebt seinen großen internationalen Durchbruch schon gar nicht mehr. Er starb 2010 mit knapp achtzig Jahren.

Woher kommt diese Faszination für Künstler, von denen lange niemand etwas sehen oder wissen wollte? Manche hatten nur kurz Erfolg. Andere waren immer Außenseiter und finden jetzt Fürsprecher, die ihr Werk bekannt – und damit auch teurer – machen. Für diese Revision gibt es zwei Gründe.

Der eine hat mit der Kunstgeschichte zu tun. Wer wie Vincent van Gogh im späten 19. Jahrhundert anders als alle anderen malt, hat wenig Chancen auf sofortige Anerkennung. Erst später, im Rückblick auf die Avantgarde einer Generation, offenbaren sich ihre Qualitäten. Deshalb kommt es immer wieder zu Neubewertungen. Selten aber wurden so viele Positionen dem Vergessen entrissen wie momentan. Die Art Basel hat inzwischen eine ganze Sektion namens "Survey", in der Werke zur Wiedervorlage hängen. Das stimmt dann doch skeptisch und verrät den zweiten Grund: Der Markt braucht Nachschub. Die Werke namhafter Künstler sind oft rar und teuer. Ganz junge Kunst gilt als riskant. Was liegt näher, als auf jene zurückzugreifen, die schon eine Karriere hinter sich haben? Ob diese Rechnung aufgeht, ist eine andere Frage. Antworten gibt es erst, wenn die Werke auch von Museen akzeptiert werden. Judy Chicagos wichtigstes Werk The Dinner Party (1974/79) befindet sich immerhin seit 2002 im Brooklyn Museum in New York.