Als Alexander von Humboldt durch Südamerika reiste, hatte er Probleme, heimische Reiseführer zu finden, die sich trauten, mit ihm die Flüsse zu durchqueren. Die Menschen hatten Angst. Aus gutem Grund, denn in den Flüssen Südamerikas lebt der gefürchtete Electrophorus electricus, ein bis zu zwei Meter lange Zitteraal. Das Tier, das unseren Aalen zwar ähnelt, aber nicht mit ihnen verwandt ist, kann eine Spannung von 600 Volt erzeugen – fast dreimal so viel wie aus einer Steckdose kommt. Stromschläge nutzt er zu seiner Verteidigung, er lähmt mit ihnen seine Beute und sendet Signale bei der Partnerwahl.

Der Körper des Zitteraals besteht aus einer Aneinanderreihung von spezialisierten Muskelzellen, den Elektrozyten. Diese bauen Ladungsunterschiede in den Zwischenzellräumen auf und erzeugen so ein Spannungsfeld.

Was Humboldts Begleitern Angst einflößte, haben Forscher nun zum ersten Mal nachgebaut. Im Magazin Nature berichten sie davon. "Forschungen zum Aal und zur Stromgewinnung mittels Ionenfluss gibt es schon lange", sagt der Biophysiker Michael Mayer von der Universität in Fribourg, einer der Autoren, "aber vielleicht hat man etwas erst wirklich detailliert verstanden, wenn man es nachbauen kann."

Biologisch aufgebaute Spannungen gibt es in jeder Nervenzelle. Die Besonderheit beim Zitteraal ist, dass alle seine Zellen auf ein Signal hin gleichzeitig feuern können. Nur deshalb kann er eine Spannung von 600 Volt erzeugen. Dabei nutzt das Tier ein besonders gebautes Nervensystem: Signale auf kurzen Strecken bremst der Aal durch dünne, verzweigte Leitungsbahnen, Signale auf langen Strecken beschleunigt er in umgekehrter Weise. So entlädt sich jede Zelle synchron.

Die Wissenschaftler hoffen, dass ein Nachbau der Aal-Elektrik dazu benutzt werden könnte, Stromaggregate in lebende Organismen zu verpflanzen. Eine solche Biobatterie wäre überall dort nützlich, wo der Mensch durch Elektronik unterstützt werden soll. Sie könnte Herz- und Hirnschrittmacher oder implantierbare Sonden mit Strom versorgen. Einige Entwickler träumen schon von elektronischen Kontaktlinsen, die eine virtuelle Realität mit der tatsächlichen Außensicht kombinieren könnten.

Schon lange waren Wissenschaftler für solche Anwendungen auf der Suche nach weichen und biokompatiblen Materialien. Dies ist nun geglückt. "Das Problem", sagt Mayer, "ist die Haltbarkeit der Aal-Batterie." Das Tier braucht zur Wiederherstellung des Potenzials Nahrung. Mit dieser Energie treibt es molekulare Pumpen an, die Ionen transportieren. Und hier klemmt die Vision: Bislang wissen die Wissenschaftler nicht, wie sie die Biobatteriezelle im Körper wieder laden sollen. Eine Herausforderung für weitere Projekte.