"Liebe Eltern, hier ein paar Alternativen zu Zucker" – der Zettel hing am Schwarzen Brett der Kita. Er hätte auch im Vorraum einer Schulaula hängen können, mir als Textbildchen bei Facebook geschickt oder als Fotokopie von einem guten Freund mit wohlmeinend ernstem Blick überreicht worden sein können. Klar, wir essen alle zu viel Zucker, nicht nur im Süßigkeitenrausch der Weihnachtszeit. Der Zettel war ein DIN-A4-gewordener Appell an das elterliche schlechte Gewissen, der vor den gesundheitlichen Folgen übermäßigen Konsums warnte. Dazu gab es Schwarz-Weiß-Fotos von vermeintlich gesünderen Süßmitteln, die, weil eher farblos präsentiert, weniger werblich wirkten und, weil als "Alternative" bezeichnet, nach dringendem Ratschlag aussahen. Na gut: Honig und Agavendicksaft hat man schon mal gehört. Aber was hat es mit Birken- und Kokosblütenzucker auf sich, mit Reissirup und Stevia? Sind die wirklich gesünder? Und wie unterscheiden sie sich?

Vor einer Antwort muss Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erst einmal eine Definition loswerden: "Der normale Haushaltszucker wird auch Saccharose genannt und setzt sich zu gleichen Teilen aus Glucose und Fructose zusammen, die wir als Traubenzucker und Fruchtzucker kennen." Saccharose ist also ein Doppelmolekül, ein sogenannter Zweifachzucker oder Disaccharid. Dieses chemische Detail sei wichtig, erklärt Gahl, um den Unterschied zu den angeblichen Alternativen zu verstehen.

  • Bei Agavendicksaft ist der Fructoseanteil etwas höher, was den Süßgeschmack verstärkt.
  • In Reissirup hingegen ist mehr Glucose und weniger Fructose enthalten. Deshalb wird er speziell von Menschen verwendet, deren Darm Fructose schlecht aufnehmen kann. Außerdem besteht der Sirup aus komplexeren Zuckermolekülen (Oligosaccharide) sowie Malzzucker (Maltose).
  • Auch Honig und Kokosblütenzucker (oder Ahornsirup, mit dem man die Liste gut gemeinter Ratschläge fortsetzen könnte) erhalten ihre Süße durch Glucose und Fructose in jeweils leicht anderen Verhältnissen als gewöhnlicher Haushaltszucker. Im Honig mag der Zweiprozentanteil an Enzymen und Vitaminen das Aroma bestimmen, am Hauptbestandteil Zucker ändert auch er nichts.

"Ernährungsphysiologisch wirken Glucose und Fructose zwar unterschiedlich", erklärt Gahl. "Aber da die Verhältnisse in diesen Produkten sich nicht allzu sehr unterscheiden, ist es unter dem Strich ziemlich egal, ob ich Haushaltszucker durch andere Zuckerarten ersetze."

Nur für das Marketing ist es nicht egal, dass alle Alternativen irgendwie besser klingen als das böse Wort Zucker und damit ungleich teurer und für die Produzenten lukrativer sind. "Das hört sich ja so schön an, und es wird einiges an Naturvorstellungen hineininterpretiert", sagt Gahl. "Aber auch der Haushaltszucker ist natürlich gewonnen, nämlich aus Zuckerrüben."

Und wie fällt der Vergleich in Bezug auf die Kalorien aus, jenes Maß, das Laien am stärksten mit Plätzchen, Süßspeisen und Co. verbinden? In puncto Kalorien sind Kokosblütenzucker, Reis- oder Ahornsirup, Honig und Agavendicksaft praktisch gleichauf mit Haushaltszucker.