Zu Dutzenden wölben sich die Häuser der Toten am Rande von Cerveteri in Latium, nordwestlich von Rom. Längst sind sie überwachsen, und doch kann man diesen Tumuli, diesen monumentalen Mausoleen, noch ansehen, dass sie einst von der Macht und dem Wohlstand ihrer Erbauer kündeten. Im Inneren bildeten die heute leeren Gelasse die Welt der Lebenden ab und konservierten so die wertvollsten Zeugnisse aus der frühesten Hochkultur in Mittelitalien, aus der Kultur der Etrusker.

Im 1. Jahrtausend vor Christus umfassten ihre Lande zeitweise Teile der Toskana, Latiums, Umbriens, Kampaniens sowie der Emilia-Romagna. Das allmächtige Rom? Zur ersten Blütezeit der Etrusker kaum mehr als ein Hüttendorf, nur unwesentlich zivilisierter als der Rest Altitaliens mit seinen längst vergessenen Völkern und Stämmen. Das kulturelle Niveau der Etrusker ragt aus dieser armen Welt so auffallend heraus, dass Attribute wie "rätselhaft" und "geheimnisvoll" seit je schnell bei der Hand sind.

Es ist dieses Rätsel, das die Menschheit nach wie vor fasziniert. Zurzeit gehen allein im deutschsprachigen Raum drei Ausstellungen dieser großartigen Kultur nach: im Schweizer Schaffhausen (Museum zu Allerheiligen, bis 18. Februar), in Frankfurt am Main (Archäologisches Museum, bis 4. Februar) – und in Karlsruhe, wo im Badischen Landesmuseum soeben die größte der drei Schauen eröffnet wurde, als Landesausstellung Baden-Württemberg. Es geht um die Geschichte, um Wirtschaft, Gesellschaft, um Glauben und Götter, Leben und Tod. Und immer wieder auch um die Frage, auf welche Weise die etruskische Kultur zum Fundament der römischen Welt und des Römischen Reiches werden konnte – und damit auch Teil unseres Erbes bis heute.

Doch ein tiefes Dunkel liegt schon über den Anfängen. Der große Herodot berichtet im 5. Jahrhundert, die Etrusker stammten ursprünglich aus dem kleinasiatischen Lydien. Eine Hungersnot habe etwa die Hälfte des lydischen Volkes zur Migration gezwungen. Unter Führung des Königssohnes Tyrrhenos hätten sie sich im Land der Ombriker in Mittelitalien niedergelassen – als Tyrrhener, nach denen das Tyrrhenische Meer noch heute seinen Namen trägt. Nur über ihre Herkunft aus dem griechischen Kulturraum, dies ist die versteckte Botschaft Herodots, lasse sich der kulturelle Glanz der Etrusker verstehen.

Genauso vehement aber wird bis heute die These vertreten, die Etrusker seien exklusiv italischen Ursprungs. Wissenschaftliche Beweise blieben und bleiben umstritten. Denn für beide Ursprungsvarianten gibt es archäologische, linguistische und andere kulturelle Argumente. Selbst die Naturwissenschaften mischen längst mit. 2007 sollten DNA-Vergleiche zwischen Bewohnern des Toskanastädtchens Murlo, einer etruskischen Gründung, und Bewohnern der westlichen Türkei, die man kurzerhand zu Nachfahren der Lyder deklarierte, das Geheimnis lüften. Ein überzeugendes Resultat erbrachte dies nicht. Zumal bereits kurz zuvor DNA-Abgleiche von Etruskerskeletten und modernen Europäern ergeben hatten, dass die etruskische Gen-Spur eher nach Cornwall führt denn in die Toskana.

Allererste archäologische Funde stammen aus dem späten 10. Jahrhundert vor Christus, aus dem Gebiet zwischen Arno und Tiber. Dort hatte sich die eisenzeitliche "Villanovakultur" ausgebildet – in ziemlich genau jener geografischen Umfassung, in der später die Zentren der Etrusker lagen. Die Entwicklung ihrer Zivilisation aus dieser Villanovakultur heraus scheint inzwischen klar. Unklar bleibt allerdings, welche weiteren Faktoren den stupenden Aufstieg beeinflussten. Viele Etruskologen vertreten heute synthetische Ansätze, nach denen an der Wende zum 1. Jahrtausend Kleingruppen lokaler Eliten aus dem Osten in Mittelitalien landeten und dort heimisch wurden. Eine fruchtbare Natur, reiche Bodenschätze und das mitgebrachte Wissen um deren Abbau trugen ihren Teil zur Entwicklung bei.

Im 8. Jahrhundert dann entfaltet sich die antike Welt neu. Es herrscht Aufbruchsstimmung. Überall entlang der Mittelmeergestade entstehen neue Siedlungen. Griechische Gründungen, phönizische. Die Etrusker fügen sich in diesen Aufbruch ein, vor allem durch ihre innovative Metallproduktion. Abnehmer der hochwertigen Waren gibt es in Griechenland, in Kleinasien, an der Levante, in den phönizischen Kolonien des Westens. Insbesondere in den griechischen Siedlungen Unteritaliens und Siziliens tauscht man die eigenen Keramikprodukte gern gegen etruskische Metallarbeiten ein.

Mit der Öffnung der etruskischen Welt gehen technologischer Fortschritt, künstlerische Neuerungen und gesellschaftliche Ausdifferenzierungen einher. Denn aus Wohlstand resultiert Macht: In Etrurien beginnt im 7. Jahrhundert mit der "Zeit der Fürsten" eine erste Hochphase der etruskischen Kultur. Eine dünne Schicht bestens vernetzter Handelsaristokraten dominiert das politisch-wirtschaftliche Leben.