Da steht er also, bereit, die katholische Kirche zu retten, ein kleiner, schmaler Mann, schwarze Haare, braune Haut, ein Jungengesicht. Er lächelt. Dann sagt er mit breitem Akzent: "Ich bin Jyothish Joy. Ich komme aus Kerala, Indien. Seit Mai bin ich in Deutschland. Jetzt bin ich hier: in Ochtrup. Ich freue mich."

Fehlerfrei aufgesagt. Er strahlt. Die Kirchenbesucher klatschen.

"Den Namen fragen wir dann nach dem Gottesdienst noch mal ab", sagt der Mann, der neben ihm steht: der Pfarrer der Gemeinde, Stefan Hörstrup. Die Kirchenbesucher lachen. Dann beginnt der Gottesdienst.

Es ist ein nasskalter Samstagabend Anfang November, und die Wege des Herrn haben Jyothish Joy, einen 35-jährigen Priester aus Indien, in eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen geführt, nicht weit von der niederländischen Grenze. Zwei Monate wird er in Ochtrup ein Praktikum machen. Wenn es gut läuft, wird er dann fünf Jahre lang in der Gemeinde bleiben, vielleicht zehn.

Im Gesangsbuch blättert er jetzt nach Lied 418. "Wer Gott, dem Allerhöööchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut ...", singt die Gemeinde. Jyothish Joy traut sich noch nicht, das fremde Lied mitzusingen.

Etwa 200 meist grauhaarige Menschen sind an diesem Tag gekommen, sie sitzen verstreut in den Kirchenbänken, die Platz für dreimal so viele Besucher böten. St. Marien ist eine von fünf Kirchen der Pfarrgemeinde, gebaut wurde sie erst Anfang der fünfziger Jahre, weil St. Lamberti, nur ein paar Gehminuten entfernt und noch größer, nicht ausreichte. Heute sind auf dem Papier zwar noch immer 75 Prozent der 20.000 Einwohner Ochtrups katholisch. Aber nur noch wenige gehen regelmäßig in die Kirche.

"Herr, erbarme dich", sagt Pfarrer Stefan Hörstrup.

"Herr, erbarme dich", antwortet Jyothish Joy, antwortet die Gemeinde.

Drei Tage nach dem Gottesdienst, in dem sich Joy den Gläubigen vorstellt, wird Hörstrup verkünden, was inoffiziell längst alle wissen: St. Marien macht zu. Warum soll man Millionen in die Renovierung einer Kirche stecken, wenn ein paar Hundert Meter entfernt die nächste, noch größere steht, die auch nicht voll wird?

Kirchenleute sprechen vom Strukturwandel, doch dahinter steht die Angst vor dem Niedergang. Je weniger Menschen in Deutschland an Gott, den Allerhöchsten, glauben, desto mehr Kirchen schließen. Aus ökonomischer Sicht ist das nur konsequent, Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Engagierte die Deutsche Bischofskonferenz einen Unternehmensberater: Es würden wohl noch viel mehr Kirchen dichtgemacht. Die Zeiten der Volkskirche sind vorbei, das leugnen nicht mal mehr Kirchenobere.

Jeder zehnte der 23,6 Millionen Katholiken in Deutschland geht mindestens einmal in der Woche zum Gottesdienst. Nur noch. Oder: immer noch. Denn irgendjemand muss mit all den Kirchgängern die Eucharistie feiern, wie es der Glaube vorschreibt, muss die Hostie zum Leib Christi wandeln. Und das dürfen nur Priester.

Der katholischen Kirche in Deutschland aber gehen nicht nur die Gläubigen aus, sondern auch die Priester. 1962 ließen sich noch 557 Männer weihen, in diesem Jahr waren es laut Auskunft der 27 deutschen Bistümer gerade einmal 75. In manchen Bistümern gab es keine einzige Weihe.

Deswegen ist Jyothish Joy nach Ochtrup gekommen. Die Kirche reagiert auf die Situation wie ein Wirtschaftsunternehmen: Sie importiert Fachkräfte.

Es gibt Länder auf der Welt, in denen der katholische Glaube lebendiger ist als in Deutschland, Länder, in denen es zu viele Priester gibt statt zu wenige. Polen ist so ein Land, Nigeria, vor allem aber: Indien, wo im Schatten des Hinduismus eine starke katholische Gemeinde existiert. Aus keinem Land kommen mehr Priester nach Deutschland.

Und so offenbart sich an einem Abend im November in der großen Kirche einer kleinen Stadt das ganze Dilemma des deutschen Katholizismus: In einer Kirche, die bald schließen wird, steht ein indischer Priester und reicht den Gottesdienstbesuchern die Hostien.

Die katholische Kirche ist eine Weltkirche, internationaler Austausch gehörte immer zu ihr. Aber Jyothish Joy ist einer von inzwischen schon 181 ausländischen Priestern allein im Bistum Münster. Einer von 2.483 bundesweit. Fast jeder fünfte katholische Priester in Deutschland stammt heute aus dem Ausland. Gastarbeiter Gottes, die gekommen sind, um den Niedergang aufzuhalten. Nur: Können sie das?