Stefan Buchen sitzt in einem Café im Grindelviertel und wirkt gehetzt. Er schaut sich um, links, rechts, und sagt: "Ich glaube, die wollen mich fertigmachen." Dann beginnt er zu erzählen, es wird ein Monolog, der mit einer Geldüberweisung anfängt und in einem Gerichtssaal endet, mit dem Journalisten Stefan Buchen als Angeklagtem. Es ist eine Geschichte, die Zweifel aufkommen lässt am Vorgehen von Hamburger Polizisten und daran, ob sich die chronisch überlastete Staatsanwaltschaft immer an den richtigen Fällen abarbeitet.

Es ist, erzählt Buchen, ein Samstagabend Anfang Februar, als ihn seine Schwiegermutter Ashraf Azadi anruft. Sie weint. Buchen hatte ihr Geld überwiesen, damit sie Babyklamotten für Buchens Tochter kaufen kann. Sie stehe im H&M in der Spitalerstraße, sagt Azadi am Telefon, und eine Frau habe ihr vorgeworfen, ihr 180 Euro gestohlen zu haben, sie habe aber nichts getan! Die Polizei glaube ihr nicht, stattdessen habe der Beamte ihr das gesamte Bargeld abgenommen. In der Zwischenzeit habe ihr die Frau, die sie des Diebstahls beschuldigte, zugeraunt: 50 Euro, dann sei die Sache vergessen. Als Buchen in der Spitalerstraße ankommt, sind die Polizisten schon wieder weg. Buchens Schwiegermutter ist verzweifelt. Das Geld hat die Polizei mitgenommen, eine Quittung haben die Beamten nicht ausgestellt.

Gemeinsam beschließen Buchen und Azadi, auf die nächstgelegene Polizeiwache zu gehen, um sich zu beschweren und eine Quittung zu verlangen. Der Polizist dort hört sich alles an, dann verschwindet er hinter einer Panzerglasscheibe, Buchen und seine Schwiegermutter setzen sich in den menschenleeren Warteraum. Als eine gute halbe Stunde lang nichts passiert ist, fragt Buchen nach, bekommt aber, wie er sagt, keine Antwort. Schließlich ist seine Geduld zu Ende, er spricht einen Polizisten an: "Ich möchte Anzeige wegen Unterschlagung erstatten." Der Polizist schaut ihn an, lächelt und sagt laut Buchen: "Das ist ja süß. Die nehme ich nicht an."

Buchen ist sauer, mit Azadi geht er aus der Polizeiwache und zischt: "Ihr Drecksdiebe!" Jahrelang hat Stefan Buchen im Mittleren Osten gelebt und gearbeitet, da habe er sich eine gewisse Emotionalität angewöhnt. Überhaupt muss man wissen: Stefan Buchen ist nicht irgendein Journalist. 2010 geriet er bei einer Dschihadismus-Recherche im Jemen ins Visier der CIA, die US-Geheimdienstler erkundigten sich bei ihren deutschen Kollegen über Buchen und seine Kontakte, der Spiegel enthüllte den Überwachungsskandal. Buchen ist spätestens seitdem als kritischer Rechercheur bekannt.

Zwei Wochen nachdem er die Polizeiwache verlassen hat, findet Buchen eine Anzeige wegen Beamtenbeleidigung im Briefkasten. Man könnte nun sagen: selbst schuld. Und halb so wild. Die Anzeige gegen Buchens Schwiegermutter wurde kurz darauf fallen gelassen. Die Quittung über das beschlagnahmte Geld wurde später am Abend von einer hinzugezogenen Beamtin vom Dezernat Interne Ermittlungen überreicht. Aber so einfach ist es nicht. Ashraf Azadi ist sich recht sicher, 280 Euro in der Tasche gehabt zu haben, die Polizei gibt auf der Quittung lediglich 250 Euro an. Hat jemand 30 Euro eingesteckt?

Spricht man mit Azadi, merkt man, wie sehr sie der Fall verunsichert. Sie kommt aus einer Familie iranischer Oppositioneller, kennt polizeiliche Willkür eigentlich nur aus ihrem Heimatland. Der Polizist im H&M, erzählt sie, sei sie aggressiv angegangen. "Du bist des Diebstahls beschuldigt", habe er gesagt. Und dann gefragt: "Woher hast du so viel Geld?" Sie habe sich erklären wollen, sei aber gar nicht zu Wort gekommen. Während sie das erzählt, zittert Azadi am ganzen Körper. "Ich hätte nie gedacht, dass sich die Polizei in Deutschland so verhalten kann." Unter anderem wegen staatlicher Willkür sei sie ja aus ihrem Heimatland geflohen.

Es sei vorgeschrieben, Sicherstellungen zu quittieren, sagt der Hamburger Rechtsanwalt Johann Schwenn. Ihn ärgert "die Rotzigkeit, mit der der Beamte das abgelehnt hat". Dieses großspurige Auftreten der Polizei gegenüber Ausländern scheine leider zuzunehmen.

Anders als viele andere erstattete Azadi Anzeige. Im Ermittlungsverfahren gegen ihn gab der Polizist später an, die Sprachbarriere habe einen gepflegteren Umgang mit Azadi verhindert. Dabei spricht die Frau sehr gut Deutsch.

Konfrontiert man die Polizei mit den Vorwürfen, heißt es, man könne zu Einzelfällen keine Stellung nehmen. Normalerweise müsse aber dokumentiert werden, was konfisziert wird.

Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Am 13. Oktober steht Buchen wegen Beamtenbeleidigung vor Gericht. Dort entspinnt sich ein Prozess, den er "bizarr" nennt. Buchen hatte seinen Fluch beim Rausgehen ausgestoßen, die Beamten, die ihn angezeigt haben, saßen in seinem Rücken hinter einer Panzerglasscheibe. Nicht derjenige, mit dem Buchen Kontakt hatte, zeigte ihn an, sondern zwei andere Polizisten. Einem der beiden begegnet er vor Gericht zum ersten Mal. "Wie soll ich diese Polizisten beleidigen, wenn ich sie gar nicht sehe?", fragt Buchen. Die Richterin sieht das ähnlich, wie das Gericht auf Nachfrage bestätigt, sie will den Prozess schnell einstellen. Aber die Staatsanwaltschaft ist dagegen. Also wird ein zweiter Verhandlungstag angesetzt, weitere Zeugen werden gehört. Die Aussage des Polizisten, heißt es später im Urteil, sei "von einer Belastungstendenz geprägt" gewesen.

Buchen wird freigesprochen, aber dabei will es die Staatsanwaltschaft nicht bewenden lassen, sie legt Rechtsmittel ein. Seine Schwiegermutter hat ihr Geld bis heute nicht zurückerhalten.