Wie wichtig die Bildung ist, hat jeder oft gehört. Womöglich in einem Deutsch, das die Lust an der Bildung gleich wieder verdirbt. Beispiel gefällig? Bildung "ermöglicht die selbstbestimmte Teilhabe an der Gesellschaft, sie eröffnet die Möglichkeit, persönliche Interessen und Bedürfnisse zu erkennen, zu formulieren und sich an der Entwicklung und Gestaltung der Gesellschaft ...", so eine frühere Bildungsministerin.

Lässt sich nicht auch anders über Bildung schreiben? Wie wäre es, wenn ein Schriftsteller sich des Themas annähme, ein ausgewiesener Experte des Ganz-Anders, einer wie Alexander Kluge? Wir fragten ihn und bekamen sogleich einen unveröffentlichten Text, eine Miniatur zugeschickt. Zart, einer japanischen Tuschezeichnung gleich mit wenigen Worten aufs Blatt geworfen, birgt der Text die Substanz dessen, was Erziehung ausmacht: Sympathie vonseiten des Lehrenden, die vom Schüler mit Aufmerksamkeit vergolten wird.

Einem Kompositionsprinzip Kluges folgend – das Nebeneinander als gemeinsames Projekt – schickten wir seinen Text drei weiteren Schriftstellern. Das wär’s: ein kleines poetisch-pädagogischs Pluriversum!

Tags darauf hatten wir einen Text von Ann Cotten vorliegen, die so radikal und klug wie fast niemand sonst in deutscher Sprache schreibt. Diesmal aus China, weil sich die Schriftstellerin, stets unterwegs, an einen Satz von Goethe zu halten scheint: "Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen." Auch bei Cotten geht es darum, etwas zu halten, nun aber keinen Kuhschwanz, sondern eine Füllfeder, mit der sie ihre Beobachtungen notiert. Sie fragt sich, was es heißt, weiterzuschreiben, im doppelten Sinn. Denn Cotten schreibt ein Zitat von Isaac B. Singer fort, auch wenn ihre Hand dabei erlahmt.

Ein drittes Stück erhielten wir von Kevin Vennemann, der mit seinem Buch Sunset Boulevard einem materialgesättigten essayistischen Schreiben neue Wege gewiesen hat. Vennemann geht auf das Allergrundlegendste der pädagogischen Situation zurück. Er unterrichtet an einem kalifornischen College; dort beginnt die Herausforderung des Lehrens bereits vor dem Kleiderschrank: Was zieht man in der kalifornischen Hitze an? Auch dieser Text dreht sich ums Halten, diesmal ums Zurückhalten von Schweiß, während man als Lehrer alle sonstige Zurückhaltung fahren lässt und mit vollem Einsatz performt.

Ganz anders Reinhard Jirgl. Der Büchnerpreisträger hat sich Zurückhaltung auferlegt. Er schreibt – niemand weiß, warum – nur noch für die Schublade. Auch für uns hat er keine Ausnahme gemacht. Aber er schickte per Post eine eigenwillige Passage aus seinem letzten Buch, die ein Schlaglicht auf seine von der Literaturwelt bedauerte Entscheidung wirft. Sein Text, schreibt er uns, stelle "einen Kontrapunkt zu Kluges Text dar; eine Variation über das Thema Festhalten – ob an einem Kuhschwanz oder an einer fulminanten Theorie zur Veränderung der Welt: zwei Formen von Willfährigkeit, Selbstunterschätzung als Beharrung oder Selbstüberschätzung als Hybris, das kommt letztlich auf dasselbe heraus". Anders gesagt: Was nutzt alles Lernen, alles Behalten, Festhalten und Durchhalten, wenn man nicht auch loslassen kann?

Jirgls Text steuert auf die Katastrophe zu; der Autor selbst hat losgelassen, hat Abschied genommen von einer lang geübten Praxis der Veröffentlichung, die ihm zuletzt falsch vorgekommen sein muss. Das hat etwas Tröstendes. Es gibt kein Verhängnis, Umkehr ist jederzeit möglich. Einkehr auch. Dafür steht die Poesie: für eine Unterbrechung, fürs Innehalten. Wann, wenn nicht jetzt?

Zustöpseln

Gerhardt, ein Sechsjähriger, ein sehr breiter Blondschädel (bis vor zwei Jahren schielte er, die Mutter-Bäuerin leugnete das: der tut nur so, der könnte richtig gucken, wenn er nur will, in der Familie sind sonst keine Schieler), schnaufte über der Hausaufgabe. Nach Maßgabe der Mengenlehre-Aufgabe sollte er Kreuzchen machen, dort, wo etwas übereinstimmte (ein kleines Männeken und ein kleines Dreieck usw.), und sonst Minuszeichen, also einen Strich. Er hätte die Kästchen lieber ausgemalt, also das erkannte kleine Dreieck als kleines Dreieck in das Kästchen gemalt. Dann wäre ein Dreieck ein Dreieck und ein Männchen ein Männchen. Es war ja nicht vergleichbar. So musste er aber den Anforderungen des Lehrbuchs mit viel Schnaufen folgen.

Die Kreuzchen waren nach zwei Stunden schon besser. Zunächst so: , jetzt so: .

Die Mutter-Bäuerin hat den ein Jahr jüngeren Martin immer vorgezogen, weil er hübscher war, geradere Glieder, Haltung, schmalere Kopfform leistete. Diese Missachtung lastet auf Gerhardts Hirn, der, weil er sie nicht begreift, auch nicht willig ist, die Mengenlehre zu begreifen.