Georg Cadeggianini geht auf romantische Schnitzeljagd

Tief unten ziehen Motorboote weiße Streifen ins Meer wie Kratzer ins Flugzeugfenster. In wenigen Minuten werden wir landen. Wo, das weiß ich erst seit gestern. Und meine Frau weiß es immer noch nicht. Ich habe den Koffer für uns beide gepackt, den Check-in übernommen und ihr am Gate die Augen zugehalten. Jetzt sitzt Viola neben mir, mit Noise-Cancelling-Kopfhörern gegen die Durchsagen aus dem Cockpit.

Wir sind mit Blookery.de unterwegs, einem Reiseveranstalter, der eine Art Blind Date mit dem eigenen Kurztrip anbietet. Vorab beantwortet man zwei, drei Fragen: Wann man Zeit hat, in welche Himmelsrichtung man will, wie die Kreditkartennummer lautet. Den Rest macht die Agentur. Genau 18 Jahre sind Viola und ich verheiratet. "Süden" und "Romantik" hatten wir beim Buchen angeklickt, um die Volljährigkeit unserer Ehe zu feiern. Wir entschieden uns dagegen, bestimmte Ziele auszuschließen, wir wollen Überraschung pur und kein kalkuliertes Wohlfühlerlebnis. Und untereinander gehen wir noch einen Schritt weiter: Ich soll Viola so lange wie möglich im Unklaren lassen – auch über den Vorabend des Abflugs hinaus, an dem der Reiseanbieter uns die Tickets mailt.

Fühlt sich leider nicht gut an. Denn Blookery schickt uns nach Barcelona. Ausgerechnet Barcelona, wo wir letzten Sommer gut drei Wochen verbracht haben. Was kann uns dort noch überraschen? Ich schaue über Violas Schultern aus dem Flugzeugfenster, erkenne von Weitem den Stadtstrand Barceloneta, den Hausberg Montjuïc, die Hafenanlagen. Aber ich weiß ja auch Bescheid. Viola rätselt noch, dann strahlt sie und sagt nur ein Wort, und sie sagt es sehr laut, weil sie ja die Noise-Canceller aufhat. "Insel", sagt sie und nickt. "Insel."

Ein großes Plus des Blind-gebucht-Werdens: Man ist die verdammte Verantwortung los. Schließlich hat man ja nicht selbst gewählt. Ich wäre natürlich nie auf die Idee gekommen, schon wieder nach Barcelona zu fahren. Aber jetzt? Mal schauen, was daraus wird. Viola erwischt es erst im Flughafengebäude. Bis dahin hat sie sich bemüht, immer stur auf den Boden zu starren. "Created in Barcelona", steht in Ein-Meter-Lettern unter einer Autowerbung. Gelesen. "Oh Mann", sagt sie enttäuscht. Jetzt ist es vorbei mit dem Nervenkitzel des Unbekannten. Wie schnell schafft sie es, Barcelona eine zweite Chance zu geben?

Wir lassen uns durch die Stadt treiben, immer der Sonne entgegen, nehmen an jeder Kreuzung die Gasse, die uns am meisten blendet. So setzen wir das Spiel mit dem Unbekannten ein klein wenig fort. Rein in die Ziellosigkeit – bis die Füße wehtun. Am Meer sitzen die gleichen alten Männer beim Domino wie damals. Ein Schatzsucher führt seinen Metalldetektor über den Strand, eine halbe Stunde lang, und fängt nicht ein Mal an zu graben. Draußen schaukeln Surfer in den Wellen, bereit zu paddeln, aber das Meer ist zu ruhig. Wir nehmen die Seilbahn über die Stadt vom Strand zum Montjuïc, schauen auf das Wimmelbild unter uns. Romantik mit der Brechstange. Wie Herz-Luftballons oder Candle-Light-Dinner.

Wir fragen uns, ob der Anbieter ganz nebenbei noch etwas Romantisches für uns arrangiert hat. Die rosa Beleuchtung im Hotel-Aufzug – ist die für uns? Die Bonbons auf dem Doppelbett: Have a sweet stay? Ist der Rezeptionist informiert? Kommt überhaupt noch was? Eine SMS vielleicht, am Abend: "Jetzt die Font Màgica anschauen, die Lichtspiele am magischen Brunnen …" Nichts. Gar nichts.

Das Hotelzimmer hat kein Fenster. Wir mögen uns nicht darüber aufregen, gehen stattdessen einfach raus. Und suchen mit eigenen Mitteln die romantische Seite der Stadt wie auf einer Schnitzeljagd. Die Reiskörner zwischen den Platten vor der Kirche Santa Maria del Mar. In den knotigen Stämmen der Platanen auf den Ramblas zeigen wir uns gegenseitig gaudíhafte Figuren: eine Maus, zwei verschlungene Arme, Brüste. Ein katalanisches Uraltpärchen dreht sich in die Sonne, in den Gesichtern ein ganzes Leben eingekerbt. Wir stehen im Museum lange vor El abrazo, Picassos "Umarmung" voll urbaner Intimität, versuchen sie nachzustellen, müssen lachen. Knallgrüne Papageien trippeln Muster in einen Sandweg im Parc de la Ciutadella. Es gibt sie hier wie bei uns die Tauben. Wir besuchen die Altstadtstraße, in der wir gewohnt haben. Der Balkon im ersten Stock ist immer noch wie ein Urwald verwildert. Ein paar Straßenzüge weiter treffen wir auf die Gassen, durch die wir verzweifelt hetzten, als unser Achtjähriger mit seinem Roller plötzlich weg war, 40 Minuten lang. Wir holen uns die besten Churros der Stadt, pures Fett. Und auf dem Dach von La Pedrera, wo Gaudì Champagnerflaschen-Scherben zu Mosaiken klebte, sammeln wir die letzten langen Sonnenstrahlen und fotografieren unseren Schattenriss. Wenn eine Überraschung eine kleine, hübsche Flucht aus dem Alltag ist, dann gelingt sie uns – selbst in Barcelona.

Am letzten Abend ziehen wir durchs Künstlerviertel Gràcia, von Bar zu Bar: "Einfach den Signature-Drink bitte", mal sehen, was kommt. Jetzt stehen wir auf der Plaça de Trilla. Viola holt die Kopfhörer raus, tippt auf ihr Handy, hört ein Liebeslied an. Sie tanzt zwischen den Palmen. Ich soll raten, welches Lied. Sauschwer.

Die Blindbucher haben eigentlich nicht viel gemacht. Wir sind trotzdem darauf angesprungen und haben die Stadt in einer merkwürdigen Habachtstellung durchstromert. Das Glück durfte uns jederzeit überfallen, wir konnten den Zufall genießen. Ein Überraschungsei, auf dem außen draufstünde, was drin ist, würde bestimmt keiner kaufen. Nichts muss, das heißt eben auch: viel kann.

Auf dem Rückflug ist die Maschine rumsvoll. Online-Check-in ging leider nicht. Am Automaten dann die letzte Überraschung: Wir sitzen getrennt – mit ganz viel Abstand.