Inzwischen holt Li Zui* aus dieser Erde kein Gemüse mehr. Der 60-Jährige steht auf der Ruine seines ehemaligen Bauernhofs und bückt sich, um Schrott zu ernten. Bei den Recycling-Anlagen bekommt er für Drahtreste und Schrauben Geld, pro Kilo Metallschrott ein paar Cent.

Früher war es anders. Über Generationen hinweg pflanzte Lis Familie Gemüse in Liaocheng an. Die Stadt liegt in der Provinz Shandong, einer Kornkammer im Osten Chinas. Vor ein paar Jahren aber haben die Behörden Lis Land beschlagnahmt, sie wollten dort Eigentumswohnungen hochziehen. Wo einst Gemüse wuchs, findet sich heute nur mehr Bauschutt.

Li ist einer von vielen Millionen chinesischer Bauern, die kein Land mehr haben und sich jetzt an ein neues Leben gewöhnen müssen. Chinas Führung will sie zu Stadtbewohnern machen. Lis Leben hatte sich diesem Plan vollständig und augenblicklich zu unterwerfen. "Die Behörden gaben uns zwei Wochen Vorwarnung", sagt Li. "Wir haben gepackt und sind ausgezogen."

Bis dahin verfolgte die kommunistische Regierung einen anderen Plan. Jahrzehntelang hatte China die Welt mit Waren versorgt, die von günstigen Arbeitskräften produziert wurden. Dann aber exportierte das Land weniger nach Europa und Amerika als zuvor. Als Reaktion darauf fasste die Führung einen neuen Plan: Wohlstand durch Urbanisierung.

Landesweit sollen sich rückständige Orte in produktive Zentren und Märkte mit einer neuen, konsumfähigen Einwohnerschaft verwandeln, so soll das Land weniger abhängig vom Ausland werden. Innerhalb von bloß sieben Jahren – 2014 bis 2020 – sollen 100 Millionen Bauern zu Stadtbewohnern mutieren. Und weil viele Großstädte Chinas heute schon überlaufen sind, bringt die Regierung die Städte zu den Bauern. Landwirtschaftliche Nutzflächen werden zu Neubaublocks, zu Gewerbegebieten, zu Einkaufszentren. In ihrem 30 Kapitel umfassenden Nationalplan beschreibt die Regierung Einzelheiten dieses historischen Vorhabens. Elf Ballungszentren sind geplant, mit hochwertigeren Arbeitsplätzen, energieeffizienten Bürogebäuden, modernen Wohnungen und mit Hochgeschwindigkeitsbahnverbindungen.

Der Trend zur Stadt ist nicht neu in China. Die Landflucht setzte dort in den 1980er Jahren ein. Damals waren 80 Prozent der chinesischen Arbeiterschaft in kleinen landwirtschaftlichen Betrieben tätig. 2016 lag der Anteil der Landbevölkerung nach Weltbank-Angaben bei nur noch 43 Prozent. Es gibt heute über 600 Städte in China, darunter mehr als 100 mit über einer Million Einwohner. Viele dieser Städte waren noch vor wenigen Jahrzehnten Dörfer. Hunderte Millionen Chinesen entkamen durch Flucht in die Stadt der Armut. Sie machten China zur "Werkbank der Welt".

Bis 2030 werden Prognosen der Weltbank zufolge 70 bis 80 Prozent der Chinesen in Städten wohnen, rund eine Milliarde Menschen. China wird dann stärker urbanisiert sein als westliche Staaten wie Deutschland und die USA.

Anders als in den achtziger Jahren, als sich Unternehmen ansiedelten und die Arbeiter vom Land zu ihnen strömten, ist es jetzt nicht mehr die Wirtschaft, die bei der Umsiedlung den Ton angibt, sondern die Regierung. Peking verfolgt mit Macht das Ziel, auch das Hinterland ökonomisch auf eine höhere Stufe zu heben – nicht nur ausgewählte Schlüsselmetropolen vorzugsweise an den Küsten. Überall sollen Chinesen künftig Hochtechnologieprodukte entwickeln, anstatt sie nur zusammenzusetzen oder im Acker zu graben.