Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Zur Weihnacht, so sagt man zumindest gerne, kehrt selbst bei hartgesottenen Gemütern eine friedfertige Stimmung ein. Das könnte am milden Licht der Adventskerzen liegen, am süßlichen Duft von Lebkuchen und Punsch oder ganz allgemein daran, dass das Fest ursprünglich dazu diente, allen Menschen, so sie guten Willens sind, eine Frohbotschaft zukommen zu lassen. Das mag nun schon sehr lang her sein und nur mehr in Rudimenten fortleben, doch der Wunsch nach Verständigung und Eintracht hat sich der Gesellschaft unterbewusst eingeschrieben. Weihnacht ist daher auch die Zeit, in der die Gegensätze miteinander versöhnt werden. Einen entscheidenden Beitrag dazu lieferte, noch bevor er durch ein Geständnis überrascht und überrumpelt wurde, der Strafverteidiger des ehemaligen Finanzministers Karl-Heinz Grasser, der derzeit in einem Korruptionsprozess vor Gericht steht. Maître Manfred Ainedter meinte, man dürfe nicht jede Aussage seines Mandanten auf die Goldwaage legen: "Er hat geglaubt, er muss zu allem etwas sagen, was nicht immer gut ist", erläuterte der redegewandte Advokat. Diese freimütige Äußerung sollte man kurz nachwirken lassen, denn ihr intellektueller Nachhall ist gewaltig. Nicht viele Sätze können, was ihre Allgemeingültigkeit betrifft, hier mithalten. Es gab zwar unbegabtere Vorläufer in der Antike, die mit Lebensweisheiten wie dem geflügelten Wort des spätantiken Neuplatonikers Anicius Manlius Severinus Boethius "Hättest du geschwiegen, wärest du Philosoph geblieben" dilettantische Versuche anstellten. Wobei "geblieben" in diesem Fall bedeuten würde, der Vielredner wäre einmal Philosoph gewesen. Was durchaus stimmt, da er ja ein Minus von 0,8 Prozent als Nulldefizit umzudeuten wusste. Nicht viele waren damals, an diesem angeblich so guten Tag, gereift genug, die Dimension dieses Satzes zu erfassen. Doch der menschliche Geist sucht stets nach Gründen. Auch da steht einem der Rechtspfleger zur Seite und bringt die Bedeutung des Gedächtnisses ins Spiel: "Man erinnert sich oft nicht an Dinge, da sollte man, bevor man schnell etwas sagt, vorher überlegen." Es ist also die Amnesie, die den Menschen zum Schwätzer macht. Gerade jetzt, in der stillsten Zeit des Jahres, gibt das zu denken. Sollte man nicht nur von Dingen sprechen, die einem erinnerlich sind? Wie oft spricht man leichtfertig von Vergessenem! Einfältige Geister werden nun einwenden, das sei gar nicht möglich. Für das einfache Volk mag dies zutreffen, nicht für Auserwählte. Der wahre Philosoph spricht nur darüber, woran er sich nicht erinnern kann, und schweigt beharrlich über das, was ihm geistig präsent ist. So steht es in den apokryphen Schriften nach Maître Ainedter.