Es ist Thomas Pikettys zweiter Coup: Vor drei Jahren legte der französische Wirtschaftswissenschaftler seine Untersuchung Das Kapital im 21. Jahrhundert vor – und schaffte es damit völlig unerwartet in die Bestsellerlisten. Piketty zeigte darin, dass die Konzentration der Vermögen seit Mitte des 20. Jahrhunderts in den Industrienationen zugenommen hat. Er begründete dies damit, dass Kapitaleinkünfte schneller steigen als der Arbeitslohn.

Die These ist umstritten, doch das Buch traf den Nerv einer Zeit, in der die Gerechtigkeitsfrage ins Zentrum der ökonomischen und politischen Diskussion rückte. Nun hat Piketty nachgelegt und zusammen mit seinen Kollegen Emmanuel Saez und Gabriel Zucman von der Universität von Kalifornien in Berkeley eine öffentlich zugängliche Datenbank erstellt, die die Verteilung von Einkommen und Vermögen in mehr als 60 Ländern erfasst. Sie wird von über hundert an dem Projekt beteiligten Forschern laufend aktualisiert und ausgewertet.

Vergangene Woche präsentierte das Team die ersten Ergebnisse. Sie zeigen: Die Ungleichheit hat tatsächlich in praktisch allen Ländern zugenommen. In den USA etwa erwirtschaftete das oberste Prozent der Einkommensbezieher im Jahr 1980 noch 10,7 Prozent des Volkseinkommens, im Jahr 2015 waren es bereits 20,2 Prozent. Auch in China haben die Superreichen stark von den enormen Wachstumsraten der letzten Jahre profitiert. Die Bezieher niedriger und mittlerer Einkommen dagegen gingen überwiegend leer aus. In den Vereinigten Staaten hat sich ihr Anteil am Volkseinkommen fast halbiert: Im Jahr 1980 betrug er noch 19,9 Prozent, heute sind es 12,6 Prozent, in Schwellenländern wie China oder Indien verlief die Entwicklung ähnlich.

Auffällig ist aber, dass Europa sich dem globalen Trend ein Stück weit zu entziehen scheint: Der Unterschied zwischen Reich und Arm ist deutlich geringer als in den anderen Weltregionen. In Frankreich beispielsweise ist der Anteil des Volkseinkommens, der auf die unteren 50 Prozent der Einkommensbezieher entfällt, heute noch ungefähr so groß, wie vor dreißig Jahren. In Deutschland ist dieser Anteil zwar zurückgegangen, aber bei Weitem nicht so stark wie in den USA oder in China.

Anteile am Volkseinkommen

Quelle: World Wealth and Income Database © ZEIT-Grafik: Doreen Borsutzki

Die Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Ungleichheit ist kein Schicksal, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen. In den achtziger Jahren ähnelte die Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten der in Europa. Dann wurden jenseits des Atlantiks die Steuern für Spitzenverdiener auf breiter Front gesenkt. Weil Top-Manager dadurch mehr Netto vom Brutto hatten, lohnte es sich für sie, höhere Gehälter durchzusetzen – sodass weniger für einfache Arbeiter übrig blieb. Zugleich erschwerten steigende Gebühren den Zugang zu guten Schulen und Universitäten. In den meisten europäischen Ländern fielen die Steuerentlastungen für die Reichen geringer aus, zudem sind die Bildungssysteme durchlässiger.

Die unterschiedlichen politischen Weichenstellungen würden noch deutlicher hervortreten, wenn Sozialleistungen und andere Zuwendungen berücksichtigt würden, die Geringverdienern zugute kommen. In Ländern wie Deutschland ebnet die Umverteilung durch den Sozialstaat einen Teil der Einkommensunterschiede wieder ein. Piketty und seine Kollegen haben allerdings nur Daten über das am Markt erzielte Einkommen gesammelt.

Aus Sicht der Autoren gefährdet die wachsende Ungleichheit die soziale und politische Stabilität in vielen Staaten. Sie fordern vor allem mehr öffentliche Investitionen in Bildung, Umweltschutz und Gesundheit – und höhere Steuern, um das alles zu finanzieren.