Erinnert sich jemand an Barfly? War ein Kultfilm der achtziger Jahre. Mickey Rourke, der damals noch cool aussah, hängt mit einem Bourbon, nicht dem ersten, am Tresen herum. Dann kommt die schöne Faye Dunaway und labert ihn an. Sie sagt so etwas wie: "Ich hasse die Menschen. Hassen Sie sie auch?" Rourke grinst sein gequältes Grinsen: "Nein. Aber ich fühle mich besser, wenn keine da sind."

Ich weiß noch, was ich dachte, als ich diese Szene zum ersten Mal sah: Gutes Gespräch, ihr beiden. Doch wenn ihr das Alleinsein mögt, was treibt euch in diese Bar? Mittlerweile glaube ich, ich weiß es. Sie brauchen ein Publikum für ihre Einsamkeit.

Dass nach all den Jahren wieder Mickey Rourke in meinem Kopf herumspukt, liegt an Julius Schophoff. Er schrie hier vor einer Woche sein Verlangen nach Ruhe heraus: "Lasst mich allein!" Auch Schophoff fühlt sich besser, wenn keine Menschen da sind. Und er hat sein Leben danach eingerichtet. Einst war er Kaufmann im Großraumbüro, plauderte mit den Kollegen, lachte über ihre Witze, ging abends mit Glühwein trinken. Heute lebt er als freier Autor in freiwilliger Isolation. Dazwischen lag die Erkenntnis, die er mit uns teilen möchte: Wer einsam bleibt, hat mehr vom Leben.

Es ist schwer, über Einsamkeit zu reden. Denn die Experten für dieses Thema verfassen keine Essays. Sie hausen mit ihren neun Katzen in einer zugemüllten Wohnung. Frieren in ihrem Schlafsack unter einem Kaufhausvordach. Starren an die Wand eines Pflegeheimzimmers, sogar von ihren Erinnerungen verlassen. Es sind die armen Schweine, die niemand mehr sieht oder hört.

Auch Schophoff hat anscheinend vergessen, dass es sie überhaupt gibt. Sein Stück handelt mehr von den Sinnkrisen der Überversorgten. Von ihm selbst, der zufrieden mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern lebt. Der manchmal ein paar Freunde trifft und in seiner Branche gemocht und geachtet wird. Was da noch fehlt? Die Ruhe. Zum Glück weiß er sich zu helfen, mit zwei Pfropfen Wachs für die Ohren. Das stelle ich mir praktisch vor: Plug-and-Play-Einsamkeit. Kümmerst du dich um die Kinder? Ich höre gerade so schlecht.

Der Kollege wähnt sich in einer Welt, die auf Einzelgänger herabblickt. Die glaubt, dass jemand verrückt sein muss, wenn er sich von ihr abwendet. Da leben wir wohl wirklich in sehr verschiedenen Welten. Kaum eine Lebensform wird so verklärt und verkitscht wie die Einsamkeit. Aus allen Medien heulen uns die einsamen Wölfe entgegen. Dutzende Hollywoodstars sind abonniert auf die Rolle des mysteriösen Fremden oder auch des quietschfidelen Singles. Lifestyle-Autoren feiern das neue "Lebensgefühl", den "Weg zu innerer Freiheit", die "Kunst, sich auszuhalten". Und viele Leute kaufen ihnen das ab. Warum sonst pilgern die Sinnsucher scharenweise auf dem Jakobsweg oder verkrümeln sich ins Schweigekloster? Einsamkeit ist das neue Yoga.

Ich habe zwanzig Jahre lang mehr oder minder allein gelebt. Eins kann ich mit Bestimmtheit sagen: Weiser hat es mich nicht gemacht. Ich erinnere mich an lange Fernsehnächte, viele Gänge zum Altglascontainer. An Selbstgespräche in Jogginghose, das Stalken von alten Bekannten im Internet. Schophoff geht seine Weltflucht kultivierter an: Er entzündet eine Kerze und "erhört" dann seine Bedürfnisse. Eins dieser Bedürfnisse war, den besagten Artikel zu schreiben.

Bringt die Einsiedelei wirklich so viel Bedeutendes hervor? Schophoff zitiert beifällig Picasso, der von der großen Einsamkeit schwadroniert, ohne die angeblich nichts entstehen könne. Ausgerechnet Picasso, der so gern Hof hielt und stets darauf bedacht war, die richtigen Leute zu kennen. Schophoff zitiert auch Rilke, der ein Leben lang die Einsamkeit umflorte (ähnlich wie Armut, Trauer, Schmerz und selbstverständlich den Tod). Er trug dabei so dick auf, dass W. H. Auden ihn mal den Santa Claus of loneliness nannte. Ich kenne die einschlägigen Stellen; ich habe sie ja selbst verschlungen. Gern auf Parkbänken übrigens, in ernster Grüblerpose. Ich war damals der Ansicht, das mache mich interessant.

Das ist der Leim, mit dem die Einsamkeitspoeten ihre Elegien bestreichen. Sie machen den Leser glauben, er sei gar nicht allein, sondern bestens aufgehoben in einer Seelenverwandtschaft mit ihnen. Und es stimmt, ich habe mich wohlgefühlt im Club der Monaden. Hier Schopenhauer, dort Kafka, und das in der Mitte bin ich. Aber in aller Verbundenheit: Gute Zuhörer waren das nicht. Und man tut gut daran, ihnen nicht blind zu vertrauen, gerade wenn es um Einsamkeit geht.