Er nennt sich Big Clive, er liebt Kekse und elektronischen Krimskrams. In seinem YouTube-Kanal bigclivedotcom zerlegt der Schotte mit dem langen Bart regelmäßig, was ihm an Elektronik unter die Kameralinse gerät: LED-Leuchten, heizbare Handschuhe oder einen ominösen Haarwuchsstimulator. Mehr als 300.000 Abonnenten folgen dem Bastler, der in seinem Hauptberuf Elektriker ist.

Aktuell steht der Check funkelnder Lichterketten auf dem Programm. Big Clive testet einen Direktimport, bestellt über eBay für drei britische Pfund: "Lasst uns einen Blick auf die gefährliche chinesische Sorte werfen, das sind die besten." Er freut sich diebisch – wie immer, wenn etwas desaströs konstruiert ist. Das ist bei chinesischen Direktimporten sehr oft der Fall.

Hundert bunte Leuchtdioden sind an einem Kabel aufgereiht. An dessen Ende baumelt ein weißes Steuerungskästchen. Das Ergebnis der Analyse ist exemplarisch für die elektronischen Todesfallen, die sich viele Menschen ahnungslos über Online-Zwischenhändler wie eBay, AliExpress oder Banggood ins Haus holen.

Schon fällt Big Clive eine Abdeckung entgegen – die elektrischen Kontakte liegen frei. "Aber das ist wahrscheinlich das geringste Problem", sagt Big Clive. Die Kupferleitungen zwischen den Lämpchen seien extrem dünn, die isolierende Ummantelung der Drähte sei minimal. "So etwas ist nicht sicher in der Nähe von Kindern oder Haustieren", sagt Big Clive lakonisch, "die würden wohl schlechte Erfahrungen machen, wenn sie hineinbissen." Das Produkt sei wohl eher etwas für Singles ohne Haustier. Big Clive misst den elektrischen Widerstand der Lichterkette und errechnet, dass im Fall eines Kurzschlusses am Ende der Leitung über die ganze Länge 2.880 Watt Leistung verbraten würden – weitaus mehr als bei einem Toaster. "Ich denke, dann würde das Kabel wohl schmelzen oder verbrennen. Das wäre sicher sehr aufregend."

Auch die Steuerelektronik ist nicht gerade vertrauenerweckend. "Da fehlt ja völlig die galvanische Trennung", sagt Jürgen Ripperger vom Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE), nachdem er sich das YouTube-Filmchen angeschaut hat. Im ungünstigsten Fall erhält der Nutzer einen gewaltigen elektrischen Schlag. Ripperger ist diese Lichterkette schon einmal untergekommen. "So etwas dürfte bei uns auf keinen Fall auf den Markt." Vor drei Jahren hat der VDE eine ganze Containerladung unsicherer Lichterketten öffentlich zerstört.

Große Lieferungen gefährlicher Gerätschaften fliegen schon einmal auf. Mehr Sorgen bereiten Ripperger kleine Einzelbestellungen. "Da haben die Behörden keine Chance, das zu kontrollieren." Der VDE-Experte warnt vor den haarsträubenden Sicherheitsmängeln ungeprüfter Produkte. Vor solchen, die ein Laie nicht sehen kann – wie zum Beispiel die mangelhafte Separierung von der 220-Volt-Haushaltsspannung im Fall der Lichterkette. Aber auch vor solchen, die erkennbar sind. "Beim Außeneinsatz muss es ein Rundstecker sein, der außerdem die komplette Steckdose abdeckt", sagt Ripperger.

Natürlich besitzt Big Clives Lichterkette nur einen Flachstecker, obwohl sie für den Außeneinsatz beworben wird. Es findet sich weder das Siegel IP44, das für Gartentauglichkeit stünde, noch das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit. Und wenn die Lichterkette hoch dekoriert wäre, mit allen nötigen Qualitätssiegeln? Selbst dann gäbe es keine Garantie. Rippberger berichtet von elektrischen Werkzeugen mit vielen Qualitätssiegeln – aber sie waren alle gefälscht.