Lieber fremder Freund,

jetzt feiern wir Deutschen wieder unser liebstes Fest. Die Bundesrepublik ist kein religiöser Staat, doch Weihnachten halten wir so hoch, dass nicht mal Fußballspiele stattfinden. Wir werden, millionenfach, zur Heiligen Familie. Die Eltern schmücken den Lichterbaum, die Kinder kommen heim. Man geht gemeinsam zur Kirche und hört die uralte Mär von der Christgeburt. Man beschenkt einander, schmaust, trinkt und pflegt Rituale. Drei Tage gilt die schwere Pflicht der Harmonie.

Dann ist es vollbracht. Die Kerzen verlöschen, die Kinder reisen ab. Einsame Weihnachtshasser atmen auf. Im Berliner Nahverkehr wird wieder gepöbelt. Die Ellenbogen-Gesellschaft beendet ihre Kampfpause. Deutschland kehrt zurück zur seelenkühlen Rationalität. Das Ideal ruht, für ein Jahr.

Wie wirkt das deutsche Weihnachtsfest auf Sie, auf Menschen anderer Herkunft und Religion? Darüber wird hierzulande selten nachgedacht. Weihnachten gilt als Schmuckstück "unserer christlich-abendländischen Leitkultur". Allerdings sind fromme Christen in Deutschland eine Minderheit, besonders im Osten, der früheren DDR.

Dort stamme ich her. Mein Vater war Pfarrer. In der sozialistischen Diktatur wurden die Kirchen gesetzlich toleriert, Christen jedoch vielfach benachteiligt. Gläubige galten als Leugner der Wahrheitslehre von Karl Marx, verdächtig der Opposition. Die materialistischen Ideologen erwarteten, dass die Religion aussterben werde wie ein Aberglaube. Weihnachten abzuschaffen gelang der Staatsmacht nicht. Zu Heiligabend war die Kirche voll. Unser ganzes Dorf, ob christlich oder nicht, strömte zuhauf in den Gottesdienst. Andächtig lauschte das Bauernvolk jener zweitausendjährigen Geschichte aus dem Lukas-Evangelium, die mit einer Volkszählung beginnt: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde (...). Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger ...

Man hörte nicht nur, man sah. Wir Kinder führten die Geburtsgeschichte Jesu als naives Drama auf. Mein Bruder Michael war Josef, mein Bruder Wolfgang trug den Stern von Bethlehem. Ich spielte einen Soldaten des mörderischen Königs Herodes – beleidigt, weil ich mein selbst gezimmertes Schwert nicht tragen durfte. Weihnachten, das Fest des Friedens, gebot Totalabrüstung, sogar beim Krippenspiel. Dann folgten erschütternde Minuten. Beim Gesang von Stille Nacht löschte die Küsterin das Licht. Plötzlich erfüllte die Kirche ein Schluchzen und Weinen, als habe das Leid des ganzen Jahres auf diesen Moment gewartet, auf dieses süßliche Lied, das Vater nicht liebte. Singen müssen wir es, sagte er. Für die Vertriebenen ist es ein Stück Heimat.

Auch Mutter hatte 1945 fliehen müssen, als Stalins Rote Armee Hitlers Krieg nach Deutschland zurückbrachte. Stresow, Mutters Heimatdorf, gehört heute zu Polen. Vaters Halberstadt war im Bombenfeuer der Amerikaner verbrannt. Dem Kind ist die gegebene Welt normal, doch damals, in der dunklen weihnachtlichen Kirche, spürte ich, wie viele Menschen Ruinen in sich trugen.

Am nächsten Morgen sammelten sich die Christenkinder im Pfarrgarten. Wir stapften durchs verschneite Dorf, zum Weihnachtssingen. Vater hatte eine Liste von Einsamen, Gebrechlichen, Bettlägerigen erstellt, fast alles alte Frauen. Die besuchten wir nun in ihren muffigen Stübchen. Wir sangen Vom Himmel hoch und Ihr Kinderlein, kommet, Brigitte spielte Blockflöte, Vater las die Geburtsgeschichte vor. Die alten Frauen weinten und schenkten uns Süßigkeiten mit der Mahnung, sie gerecht zu teilen: Danke, Kinder, danke! Ach wie gut, dass ihr noch nichts vom Leben wisst! Erleichtert liefen wir heim zu unseren Geschenken, im Elternhaus geborgen wie im Herzen der Welt. Mein Vater ist lange tot. Zeitlebens führte er Tagebuch – alltägliche Fakten, wenig Gefühl. Zur Weihnacht 1970 schrieb er doch emotional: "Die Kinder leider sehr anspruchsvoll." Hatten wir größere Geschenke erwartet? Die eigentliche Weihnachtsgabe, wurde uns eingeschärft, sei Gottes Geschenk an die Welt: seine Menschwerdung in Jesus Christus, zu unserer Erlösung. Theoretisch wusste ich das zu schätzen. Praktisch bevorzugte ich meine elektrische Eisenbahn.

Später studierte ich selbst Theologie und wollte Pfarrer werden. Ich kritisierte meinen Vater: Deine Weihnachtspredigten sind zu sanft! Wenn die Kirche voll ist, muss man den Leuten die ganze schlimme Wahrheit über den Zustand der Welt vor den Kopf knallen! – Junge, sagte Vater, Evangelium heißt Frohe Botschaft. Das Schlimme wissen die Menschen schon.