Von Hunden, die bellen, heißt es, sie würden nicht beißen. Heinz-Christian Strache hat nun sogar das Bellen eingestellt. Seit feststeht, dass der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) zum Vizekanzler aufsteigt, säuselt er nur noch: vom Brückenbauen und von "gemeinsamen Wegen", von "gelebter Verantwortung" und der Freiheit für Raucher. Die Rücknahme des geplanten Rauchverbots in Gaststätten gilt als sichtbarste Veränderung, die Strache und seine Partei ihrem staunenden Land bescheren. Ihre Botschaft: Wir beißen nicht, wir wollen nur rauchen!

Wer den Regierungswechsel in Wien verfolgt, wundert sich. Noch vor einem Jahr herrschte in Österreich eine Art Ausnahmezustand. Die Aussicht, die extrem rechte FPÖ könnte künftig den Bundespräsidenten stellen, spaltete das Land und mobilisierte Linke und Liberale. Auch in Europa galt die Entscheidung als Menetekel. Der Kandidat der Freiheitlichen, Norbert Hofer, hatte den Austritt Österreichs aus der Europäischen Union ins Spiel gebracht. Damals verlor er knapp, seit dem vergangenem Montag ist Hofer Minister. Die FPÖ regiert – und nur ein paar Unentwegte regen sich noch darüber auf.

Hat sich die FPÖ gemäßigt, oder hat man sich nur an sie gewöhnt?

Der Weg zu Johann Gudenus führt über den Weihnachtsmarkt vor dem Wiener Rathaus, vorbei an Lebkuchenherzen und heißen Maroni, in der kalten Luft der Duft von klebrigem Punsch. Gudenus ist stellvertretender FPÖ-Vorsitzender, er war Klubobmann im Wiener Landtag, in Deutschland würde man Fraktionschef sagen. Weil die FPÖ dort mehr als ein Drittel der Mandate innehat, führt der 41-Jährige nun den Titel eines Vizebürgermeisters. Sein prächtiges Büro im zweiten Stock könnte gut als Kulisse für einen Historienfilm dienen. Von der Wand grüßt in schwerem Öl ein Amtsvorgänger aus dem 19. Jahrhundert.

Gudenus ist ein enger Vertrauter von Strache. Vor einer Weile waren sie zusammen in Russland, um dort eine Zusammenarbeit mit Wladimir Putins Partei Einiges Russland zu verabreden. Im Frühjahr 2014 reiste Gudenus auf die Krim. Als selbst berufener "Wahlbeobachter" erklärte er das Referendum über die Abspaltung der Halbinsel von der Ukraine für rechtens.

Auch Gudenus bemüht sich nun darum, nicht zu bellen. Die FPÖ sei "grundvernünftig, patriotisch, europäisch", sagt er, eine Partei, die "sich nicht in die alten Klischees" einordnen lasse. Vor allem sei die Partei eine gänzlich andere als vor zwanzig Jahren: "Der treueste Kern ist geblieben, viele Glücksritter sind gegangen."

Die FPÖ ist eine alte Partei, in Österreich hat der Rechtspopulismus eine lange Geschichte. Vor dreißig Jahren, als Jörg Haider die Führung übernahm, war die FPÖ eine randständige Honoratiorenpartei. Der junge Charismatiker verwandelte sie innerhalb weniger Jahre in eine mächtige Protestformation. Im Rückblick sieht man klarer, wie Haider schon in den neunziger Jahren die Instrumente schärfte, mit denen die Rechtspopulisten bis heute hantieren. Er provozierte um jeden Preis, attackierte das Establishment und gab selbst den starken Mann. Vor allem zwang Haider seine Partei, in der liberale und nationalistische Kräfte lange miteinander gerungen hatten, auf einen ausländerfeindlichen Kurs. "Österreich zuerst" war der Name eines Volksbegehrens, das Haiders FPÖ 1993 initiierte – ein Vierteljahrhundert bevor Donald Trump "America first" proklamierte.

Seitdem hat sich die FPÖ immer wieder gehäutet und mehrfach gespalten. Aber ihre politische Kraft ist nicht kleiner geworden. Auf dem Höhepunkt der Ära Haider, 1999, erreichte die FPÖ bei der Wahl zum Nationalrat 26,9 Prozent; heute, 18 Jahre später, sind es 26 Prozent. Nach wie vor stimmen überdurchschnittlich viele Männer unter 60 Jahren mit Pflichtschulabschluss oder Lehre für die Partei. In dieser Hinsicht ist die Strache-FPÖ der Haider-FPÖ sehr ähnlich.

"Der Islam hat mit Europa nichts zu tun"

Auch ihr politischer Markenkern hat sich nicht wesentlich verändert. Nach 1989 machten die Freiheitlichen vor allem gegen Zuwanderer aus Osteuropa Stimmung. Nun sind Muslime und Flüchtlinge an ihre Stelle getreten. Johann Gudenus rückt auf seinem Stuhl weit nach vorn: Die FPÖ, sagt er, sei eine "islamkritische" Partei.

Johann Gudenus: Der Islam hat mit Europa nichts zu tun. Der Islam ist kein Teil Europas, er gehört nicht dazu. Der Irrglaube, dass es einen europäischen Islam geben könnte, wurde längst widerlegt.

DIE ZEIT: Wenn es so wäre, was bedeutete das für die Muslime, die in Europa leben?

Gudenus: Es gibt ja viele, die sich gut integriert haben. Aber wir wehren uns gegen die Islamisierung. Die linken Parteien arrangieren sich mit dem Islam, weil sie auf Wählerstimmen aus sind.

ZEIT: In Österreich ist der Islam seit 1912 eine anerkannte Religionsgemeinschaft.

Gudenus: Aber der Islam ist in vielen Bereichen immer radikaler geworden. Wir haben das zugelassen und finanziell unterstützt, Moscheevereine können Kindergärten gründen. Schon den kleinen Kindern wird das Gehirn gewaschen. Ich habe keine Lust, dass meine Kinder in einer Steinzeit aufwachsen.

Der Sündenbock wurde ausgetauscht, aber das politische Versprechen ist geblieben: Weniger Zuwanderer. Offiziell will die neue Regierung nur die illegale Immigration bekämpfen. Aber auch Flüchtlinge, die sich legal in Österreich aufhalten, bekommen die neue Härte zu spüren. Asylbewerber sollen künftig nur noch Sachleistungen erhalten, Bargeld, das sie bei sich führen, wird ihnen bei der Antragstellung abgenommen. Für anerkannte Flüchtlinge wird die Mindestsicherung drastisch gekürzt, auf nur noch 365 Euro pro Monat. Die Koalition aus FPÖ und ÖVP entsorgt die letzten Reste der österreichischen Willkommenskultur.

Heinz-Christian Strache stand lange Zeit im Schatten Haiders. Doch die FPÖ ist heute deutlich gefestigter, als sie es damals war. Haider hatte die FPÖ im Jahr 2000 zum ersten Mal in eine Koalition mit der ÖVP geführt. Die Regierungszeit geriet zum Desaster: Intrigen, Rücktritte und Affären – noch heute sind Gerichte mit der Aufarbeitung beschäftigt. Während Haider die Partei nach Lust und Laune beherrschte, hat Strache einen verlässlichen Apparat aufgebaut. Die Zahl der FPÖ-Mitglieder hat sich auf etwa 70.000 verdoppelt.

Auch zwischen FPÖ und ÖVP haben sich die Verhältnisse in gewisser Weise verkehrt: 2000 war es Haider, der eine Reihe von "Glücksrittern" und Außenseitern zu Ministern beförderte; diesmal setzt Sebastian Kurz, der neue Kanzler und starke Mann der ÖVP, auf Quereinsteiger. Die FPÖ hingegen schickt ihre Spitzenleute in die Regierung. Neben Strache (Vizekanzler) und Hofer (Minister für Infrastruktur) übernimmt der bisherige Generalsekretär der Partei, Herbert Kickl, das Innenministerium.

Es gibt Kritiker, denen die FPÖ heute als "weitaus gefährlicher" gilt als zu Haiders Zeiten. Der Journalist Hans-Henning Scharsach hatte 1992 ein aufsehenerregendes Buch veröffentlicht: Haiders Kampf belegte die Verbindungen des damaligen Parteichefs zum Rechtsextremismus. Später trugen Scharsachs Recherchen dazu bei, dass Haider nicht Vizekanzler werden konnte. Auch Straches Aufstieg hat der 74-Jährige publizistisch begleitet. In seinem neuestem Buch warnt Scharsach, "ein rechtsextremer, demokratie- und verfassungsfeindlich agierender Akademikerklüngel" habe die FPÖ unterwandert. Ausführlich belegt er die Kontakte der heutigen Parteiführung zu extrem rechten Studentenverbindungen.

"Würde das wahrscheinlich heute nicht mehr sagen"

Allein vier der fünf stellvertretenden Vorsitzenden sind Mitglieder deutschnationaler schlagender Verbindungen; einige von ihnen, wie die Wiener Olympia, unterhalten Kontakte zu Führungsfiguren der rechtsextremen und neonazistischen Szene. Gudenus und Strache sind Mitglieder der Burschenschaft Vandalia Wien.

Enthüllungen über ihren braunen Rand begleiten die FPÖ seit ihrer Gründung 1955. Erster Vorsitzender der Partei war ein ehemaliger SS-Brigadeführer, bis heute wird sein Andenken in der Partei in Ehren gehalten. Organisationen wie das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands oder das Mauthausen Komitee haben in mühsamer Kleinarbeit Hunderte Aussagen von FPÖ-Mitgliedern gesammelt, die auf rechtsextremes Gedankengut schließen lassen. Etwa den Glückwunsch, den ein Lokalpolitiker zu Hitlers Geburtstag postete: "Happy Birthday, Adolf!" Auch Wiens Vizebürgermeister Johann Gudenus hat gelegentlich vor einer "systematischen Umvolkung" gewarnt und "Asylbetrügern" gedroht: "Jetzt heißt es: 'Knüppel aus dem Sack!'"

Gudenus: Ich würde das wahrscheinlich heute nicht mehr sagen. Aber das wird ja völlig verkürzt dargestellt. Ich habe nie jemandem Gewalt angedroht, sondern gemeint, dass das Gewaltmonopol des Staates durchgesetzt werden muss.

ZEIT: Der Begriff "Umvolkung" stammt aus dem Nationalsozialismus.

Gudenus: Ich bin leider nicht so firm im Nationalsozialismus wie mancher Journalist oder Linkspolitiker. Aber ich nenne es heute Ethnomorphose, Bevölkerungsaustausch.

ZEIT: Wussten Sie, als Sie das sagten, nicht, woher der Begriff "Umvolkung" stammt?

Gudenus: Ich würde nie absichtlich Nazi-Jargon verwenden. Das steht mir fern, das lehne ich ab. Ich bin am 20. Juli geboren, dem Tag Stauffenbergs. Das ist natürlich Zufall. Ich finde es aber schade und intellektuell jämmerlich, dass wir uns immer noch mit diesem Thema, das wir verabscheuen und mit dem wir abgeschlossen haben, herumschlagen müssen.

Die FPÖ ist keine durchweg rechtsextreme Partei, schon gar nicht sind es ihre Wähler. Aber bis heute fallen immer wieder Parteimitglieder auf, die ein eher ungezwungenes Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit pflegen. Auch Strache hat als junger Mann an mindestens einer Wehrsportübung teilgenommen und sich eine Zeit lang in der Neonaziszene bewegt. Doch keine noch so brisante Enthüllung hat verhindert, dass die FPÖ zu einer festen politischen Größe wurde. Auch das gehört zu ihrer irritierenden Geschichte: Je häufiger ihr die Nähe zum Rechtsextremismus vorgeworfen wurde, desto weniger ließen sich ihre Wähler davon beeindrucken.

Hat sich die FPÖ verändert? In ihrem Parteiprogramm bekennt sie sich wieder zur "Volksgemeinschaft", der Begriff ist nationalsozialistisch besetzt. Aber wer Hitler öffentlich zum Geburtstag gratuliert, wird mittlerweile ausgeschlossen. Die Forderung nach einem EU-Austritt hat die Partei fürs Erste aufgegeben; dafür stellte die FPÖ im zurückliegenden Wahlkampf die Europäische Menschenrechtskonvention infrage.

Heinz-Christian Strache versucht seit einiger Zeit, die übelsten Kanten seiner Partei abzuschleifen und Fronten, die politisch nicht mehr ertragreich scheinen, zu begradigen. Mehrfach ist er nach Israel gereist; mittlerweile legt er dort auch die Burschenschaftler-Kappe ab, die er bei seinem ersten Besuch in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem noch getragen hatte. Vor einem Jahr veranstaltete die FPÖ unter der Frage "Haben wir aus der Geschichte gelernt?" ein Symposium zum "neuen Antisemitismus in Europa". Den Slogan "Daham statt Islam", mit dem er 2006 um Stimmen warb, würde er nicht mehr verwenden, sagt Strache.

Die Grenzen des Sagbaren innerhalb der FPÖ sind enger gefasst. Dafür sind die Möglichkeiten, politisch etwas zu bewegen, deutlich gewachsen. In der neuen Regierung stellt die FPÖ neben dem Innen- auch den Verteidigungsminister und die Chefin des Außenamts. Und in der Zuwanderungspolitik hat Kurz, der junge Kanzler, bereits im Wahlkampf viele Positionen der FPÖ übernommen.

Nur Johann Gudenus muss vorerst draußen bleiben. Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen hatte frühzeitig wissen lassen, dass er ihn nicht als Minister vereidigen würde. Zumindest er hat sich noch nicht an alles gewöhnt.