Ja, sein neues Büro ist schon "eines der geilsten", der Blick von der Terrasse auf den Rhein "mega", da hat Frank Thelen recht. Mit seiner Firma Freigeist Capital hat der 42-Jährige gerade die oberste Etage eines Gebäudes in Bonn bezogen, und an diesem Abend im November sieht alles noch etwas unfertig aus. Das Porträt von Steve Jobs lehnt noch an der Wand, es müsste dringend aufgehängt werden. Denn Thelen ist Serien-Unternehmer und der Apple-Gründer ein Vorbild. In einer Ecke fliegen ein paar Autogrammkarten herum, denn Thelen ist auch Fernsehstar. "Aber ich will nicht der Dieter Bohlen des Gründertums werden", sagt er. Immerhin: Das Internet im Büro funktioniert schon. Ohne Netz wäre Thelen aufgeschmissen, dort macht er Geschäfte, seit er 18 ist. Und an diesem Abend ist es besonders wichtig: Thelen hat Mitarbeiter und Geschäftspartner eingeladen, um Die Höhle der Löwen (DHDL) zu schauen, mit ihm selbst in einer der Hauptrollen.

DHDL, das ist eine Castingshow auf Vox, die ein bisschen wie Dieter Bohlens Deutschland sucht den Superstar funktioniert. In DHDL stellen Jungunternehmer, Erfinder und Tüftler ihre Geschäftsideen vor, um Frank Thelen oder einen der anderen vier "Löwen" dazu zu bringen, in sie zu investieren. Die Sendung ist ein Quotenbringer, was überraschend ist in einem Land, in dem die Zahl der jährlichen Gründungen zuletzt auf 250.000 gesunken ist – das ist der tiefste Stand seit Jahren.

Das bekannteste Gesicht der deutschen Gründerszene

Frank Thelen arbeitet gegen diesen Trend an. Er hat von sich reden gemacht, weil er die App MyTaxi finanziert hat, die Plattform Kaufda und den Dienst Wunderlist – Daimler, Springer und Microsoft übernahmen die Firmen später. Er ist gefragter Gast in Talkshows, er war bei Markus Lanz, bei Frank Plasberg, bei Jan Böhmermann. Und er stand schon mit Kanzlerin Angela Merkel auf der Bühne. Thelen ist das bekannteste Gesicht der deutschen Gründerszene. Aber wer ihn trifft, der fragt sich: Wie viel Steve Jobs steckt in ihm – und wie viel Dieter Bohlen?

20.15 Uhr, DHDL beginnt, und Frank Thelen verdoppelt sich: Einmal ist er jetzt im Bild zu sehen, neben den anderen "Löwen". Es sind: der umstrittene Milliardär Carsten Maschmeyer, die fröhliche Teleshopping-Unternehmerin Judith Williams, die etwas steife Familienunternehmerin Dagmar Wöhrl und der umtriebige Handelsunternehmer Ralf Dümmel. Die Blicke im Raum richten sich aber erst mal auf den leibhaftigen Frank Thelen vor dem Bildschirm, der mit seinem Smartphone noch schnell ein Video für Facebook aufnimmt. Egal, wo Thelen gerade ist: Seine Bühne und seine Fans hat er immer dabei.

Thelen twittert noch was, dann tritt in der Sendung das erste Team auf. Es hat eine App entwickelt, mit der Restaurants überzählige Speisen billig verkaufen können. Die Löwen bieten eine Million Euro für eine zehnprozentige Beteiligung an der Firma. Alle umarmen sich, der Kommentator sagt, "Das Team macht den ersten Millionen-Deal in der Höhle der Löwen ...", worauf der echte Thelen in Bonn ergänzt: ".... und kriegt nach der Show gar nix."

Deals, die vor der Kamera bejubelt werden und nach der Aufzeichnung der Sendung scheitern: Das kommt bei DHDL oft vor. "Zum Beispiel, wenn sich rausstellt, dass die Typen fast keine Shares an der Hütte haben", sagt Thelen. Wenn den Teilnehmern ihre Firmen gar nicht gehören, mögen die Investoren das nicht. Wichtig aber ist: Gründer lernen dank DHDL, dass man nicht seine eigenen Ersparnisse opfern oder gar sein Haus verpfänden muss, um eine gute Idee an den Markt zu bringen. Man kann vielmehr Anteile an seiner Firma an Investoren verkaufen, um Gewinnchancen und Verlustrisiko mit ihnen zu teilen. Das erspart eine Erfahrung, die Frank Thelen einmal an den Rand des Ruins getrieben hat.

"Egal, was du als Gründer tust, geh niemals unter null."
Frank Thelen

Mitte der neunziger Jahre entdeckt Thelen die digitale Welt, er bringt sich Programmieren bei, startet seine erste Software-Firma. Die Geschäfte laufen gut, Thelen plant zu expandieren, die örtliche Sparkasse leiht ihm fast eine Million D-Mark. Doch dann platzt die Internetblase, das Unternehmen geht pleite, und Thelen soll den Kredit abstottern. Er kriegt psychische Probleme, hat ständig Nasenbluten, es droht die Privatinsolvenz. Seine Lektion: "Egal, was du als Gründer tust, geh niemals unter null."

Und wenn du scheiterst, dann steh wieder auf. So wie Thelen. Er einigt sich mit der Bank auf einen Vergleich. Und gründet 2004 wieder, jetzt entwickelt er mit zwei Partnern eine Online-Plattform, über die sich Digitalfotos zu Grußkarten und Fotobüchern verwandeln lassen; 2008 verkaufen sie die Firma an Fujifilm, Thelen ist auf einmal Multimillionär. Mit dem Geld legen die drei einen Fonds auf und investieren in neue Technologien. Etwa in Wunderlist, dessen Gründer Christian Reber Thelen nicht nur als Geld-, sondern auch als Ratgeber schätzt: Dank Thelen habe er statt einer altmodischen Projektmanagement-Software eine App entwickelt, und statt Geld für Lizenzen zu verlangen, brachte er eine Grundversion kostenlos unters Volk. Deswegen sei daraus ein "Megaerfolg" geworden, für den Microsoft später einen Millionenbetrag gezahlt habe.