Kaum ein deutscher Mann hört gern, dass er die falsche Einstellung zum Fußball hat. Im Fußball ist "die falsche Einstellung" ja ungefähr das, was Ignoranz in einer Ehe wäre. Oder ein Wurm im Apfel. Macht alles kaputt, höhlt alles aus. Am meisten schmerzt es, wenn die Diagnose vom Bundestrainer höchstpersönlich kommt. Mir ist das jüngst passiert, und das kam so:

Im November des nun endenden Jahres bestritt die deutsche Fußballnationalelf ein Testspiel gegen die Auswahl Frankreichs. Gut möglich, dass dies eine Vorwegnahme des WM-Finales 2018 war. Ein Blick in die Zukunft also! Deutschlands junge Elf gegen Frankreichs noch jüngere! Die Weltmeister gegen ziemlich weltmeisterliche Angreifer wie Alexandre Lacazette und Kylian Mbappé!

Vor dem Fernseher sah ich zu, wie die Deutschen das 1:0 erzielten, wie sie 1:2 in Rückstand gerieten und wie ihnen in der Nachspielzeit der Ausgleich glückte. Joachim Löws Mannschaft ging ohne Niederlage aus dem Jahr – und ich ging zufrieden schlafen. Am Ende zählt doch das Ergebnis. Es fasst das soeben Vergangene zusammen und liefert zugleich eine Erzählung für die Zukunft. Niederlagen verunsichern, Siege geben Selbstvertrauen.

Das ist meine Einstellung zum Fußball.

Am nächsten Morgen las ich in der Zeitung, wie altmodisch das war. Der späte Ausgleich, hatte der Bundestrainer noch am Abend gesagt, sei schön für die Zuschauer gewesen, ihm aber egal. Löw hatte nicht gejubelt; nicht mal die Hände nahm er aus den Hosentaschen. Ergebnisse seien "zweitrangig", sagte er, über Resultate werde ihm viel zu viel diskutiert, "Ergebnisse machen mich nicht mehr nervös".

Ich ahne, ein Bundestrainer sieht während eines Spieles Dinge, die ein Laie nicht sieht. Deshalb ist er ja Bundestrainer. Er ist Experte für das weithin Unsichtbare. Bestenfalls sieht er sogar mehr Unsichtbares als andere Trainer. Aber Joachim Löw scheint inzwischen irgendwie im Übersinnlichen angelangt zu sein. Jedenfalls tat er an diesem Abend so.

Was soll das? Warum ließ er uns Zuschauer ratlos zurück? Gern hätte ich erfahren, welche Erkenntnisse für 2018 aus dem letzten Spiel im Jahr 2017 zu lesen waren. Zumal ich in den vergangenen Jahren alles versucht habe, um Anschluss an den sich rasant entwickelnden Fußball zu halten – aber dessen Hauptdarsteller geben sich immer entrückter. Das nervt. Vermutlich nicht nur mich. Denn meine Fußball-Biografie ist ziemlich gewöhnlich.

Meine erste vage wahrgenommene Weltmeisterschaft war 1982, die erste bewusst erlebte 1986 – Zeiten des Heldenfußballs. Einzelne Männer entschieden Spiele, einzelne Männer klebten in meinen Panini-Alben, viele von ihnen mit furchterregenden Gesichtern. Diego Armando Maradona dribbelte ungefähr zehn Engländer auf einmal aus, Paul Gascoigne berauschte sich abwechselnd an Alkohol und Traumtoren, halbe Mannschaften schlichen nachts in den Puff und gewannen tags darauf trotzdem (oder deshalb). Denn "die Wahrheit is’ aufm Platz" und "ein Spiel dauert neunzig Minuten".