Fisch in Lebkuchensoße

Wir machen dieses Jahr was ganz Verrücktes: Weihnachten zum ersten Mal nicht bei den Großeltern, sondern als Kleinfamilie in Berlin. Die Kinder haben große Angst, dass wir das nicht hinkriegen. Die Tochter: "Ihr glaubt ja nicht einmal an Gott!" Ich kam mir wahnsinnig erwachsen vor bei der Idee, doch jetzt, ein paar Tage vor dem Heiligen Abend, frage ich mich, wie das geht: Weihnachten. Wir haben in unserem Garten eine Tanne geschlagen, die eh im Weg stand, und die schönen alten Lauscha-Kristallkugeln, die wir auf einem Dachboden gefunden haben, entstaubt. Doch wo ist das Tafelsilber von Oma Erika, das wir noch nie benutzt haben? Und wie feiert man ein Fest, das ohne seinen religiösen Kern bloß ein Geschenkmassaker ist? Überleg dir was, sagt mein Mann, war schließlich nicht seine Idee. Immerhin: Er kümmert sich ums Essen, Karpfen in Lebkuchensoße, nach dem Rezept, das sein Großvater aus Schlesien mitgebracht hat. Die Kinder hassen süßen Karpfen, aber Tradition ist Tradition. Die Kinder beschließen: Hausmusik wie bei den Großeltern. Ich beschließe: kein Lukas-Evangelium. Lieber Hilfe, die Herdmanns kommen. Diese wunderbare Weihnachtsgeschichte von Barbara Robinson erzählt, wie die missratenen Kinder der unfrommen Familie Herdmann in einer frommen Gemeinde der USA das Krippenspiel durcheinanderbringen. Ein bisschen handelt der Text wohl auch von uns.

Stefanie Flamm ist Redakteurin im Ressort Z

Heiliges Taxi!

Einmal, ich war vielleicht zehn, bekam ich vom Christkind einen Goldhamster. Da habe ich mir vor Freude fast in die Hose gemacht. Kerzenlicht, Christmette, Klingeling, Plätzchen, Mandarinen. Wunderbar! Doch als ich groß wurde, änderte sich mein Verhältnis zum Fest. Das fiel mir auf, als ich, ein Biologiestudent, erstmals an Heiligabend nicht zu meinen Eltern fuhr. Ich legte mich früh aufs Ohr und verschlief die Sache. War gar nicht schlimm.

Mein allerschönstes Fest erlebte ich später im Taxi. Ich war ein Jahr lang Taxifahrer. Am 24. Dezember war alles wie immer – bis 16 Uhr. Plötzlich, als hätte jemand den Stecker gezogen, stockte das Geschäft. Kein Mensch mehr auf der Straße. Ich stand in einem bürgerlichen Wohnviertel allein auf dem Taxenplatz, staunte über die Ruhe, in vielen Fenstern gingen Lichter an.

Das dauerte fast genau eine Stunde lang. Dann rannten die Leute wie in Panik auf die Straße. Sprangen ins Taxi. Mussten umgehend zu einer Party, zu Freunden, zum Tanzen, Hauptsache, weg. Es wurde wieder ein ganz normaler Abend. Außer dass ich sehr beschäftigt war, weil die meisten Kollegen freihatten. Und noch etwas war anders: Die Leute waren unglaublich freundlich zu mir. Viele schenkten mit kleine Tüten mit Gebäck und Schokolade. Verwöhnten mich mit großem Trinkgeld.

Bevor ich ins Bett fiel, schaffte ich es eben noch, mein Geld zu zählen. Das war die beste Schicht meiner Karriere! Ob ich mich deswegen so gut daran erinnere? Ich glaube nicht.

Burkhard Straßmann ist Redakteur im Wissen