Die Schafherde strahlt die Ruhe eines Stilllebens aus. Wenn man sich der Wiese nähert, hört man leises Rupfen, Rülpsen, Malmen. Ein Konzert der Zufriedenheit. 600 Muttertiere und einige wenige Böcke grasen mit 200 Lämmern in einem Tal am westlichen Rand der Eifel. Einige drängen sich unter den Bäumen, da liegen noch Äpfel und Eicheln im Gras.

Auf dem Feldweg stützt sich Günther Czerkus auf seinen Hirtenstab. Der Schäfer scheint einem Bilderbuch entsprungen zu sein mit seinem weißen Bart, der Lederweste, dem Lodenhut – und der großen Gelassenheit. Sein prüfender Blick mustert, wie sich die Bäuche der Schafe gerundet haben. Daran erkennt er: Der Pansen ist gut gefüllt. Zeit, weiterzuziehen.

Eine halbe Drehung, ein paar Schritte reichen als Signal, schon hat sich eine große wollene Wolke hinter dem 66-Jährigen formiert, aufgeregt umtänzelt von einem Altdeutschen Hütehund. Wenn man mit Czerkus als zweibeinigem Leitschaf seinen schubsenden, stupsenden Schützlingen vorausgeht, spürt man das Vertrauen der Tiere zu ihrem Hüter unmittelbar: Er ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Es ist ein archaisches Bild, voll symbolischer Anklänge aus biblischen Erzählungen und romantischen Projektionen. So sieht in der europäischen Kulturgeschichte der Frieden aus. Doch das Bild trügt.

Dieser Frieden überdeckte schon früher die Armut nur notdürftig, die den Beruf des Hirten oft kennzeichnete. Heute ist ihre Existenz vielerorts bedroht. "Die Hirten auf dem Felde", die Stars der Weihnachtsgeschichte, werden global bedrängt.

Entwicklungen, die ihm seine Hütearbeit erschweren, kennt auch der deutsche Wanderschäfer. Die Landwirtschaftspolitik und eine Vielzahl anderer Ansprüche auf die Landschaften lassen die Weideflächen für die Herden knapp werden. Im indischen Forschungszentrum für Biolandbau in der Nähe der Hauptstadt Delhi fand jetzt ein internationales Expertentreffen zum Thema Pastoralismus (so der Fachbegriff für die Naturweidewirtschaft) statt. Von dort kommt das Alarmsignal: In anderen Weltregionen haben Hirten noch größere Probleme mit den Grundlagen ihrer Existenz.

Trügerisch ist die Idylle daher auch in Rajasthan, einem Bundesstaat im Nordwesten Indiens. In der goldenen Abenddämmerung am Fuße des Aravalligebirges kehren die Viehzüchterin Dalibai Raika und ihre Tochter mit ihrer Herde aus Büffeln, Ziegen und Schafen zurück in ihr Dorf. Die beiden Frauen aus der Kaste der Raika tragen bunt geblümte Röcke und sind in knallrote und pinkfarbene Tücher gehüllt. Das Klingeln und Klappern prächtiger Armreife und Silberketten mischt sich ins leise Schnauben der Herde.

Bei der Ankunft werden die Büffel neben dem Lehmhaus angebunden, Ziegen und Schafe leben im Innenhof mit den Menschen unter einem Dach. "Die Tiere sind mein Leben", sagt Dalibai, während sie süßen Chai mit Ziegenmilch serviert. Die Familie verkauft in der nahe gelegenen Tempelstadt Ranakpur Buttermilch, Butterfett und ab und zu ein Lamm. Wenn das Einkommen nicht reicht, hilft Dalibai manchmal bei einem Bauern aus.