Die Ilias ist eine der ältesten Dichtungen Europas und von allem der Anfang – und doch ist alles schon da. Tasten, Suchen, Ausprobieren sieht anders aus. Zusammen mit ihrem jüngeren Bruder, der Odyssee, markiert dieses Epos den Anfang abendländischen Erzählens. Zwar gibt es seit dem 18. Jahrhundert Debatten darüber, ob Ilias und Odyssee vom selben Verfasser stammen, ja ob überhaupt so etwas wie ein einzelner Verfasser verantwortlich zeichnet und nicht viel eher eine kollektive Erzähltradition irgendwann schriftlich fixiert worden ist, aber wenn man die beiden Epen unbefangen liest, ist man immer wieder überrascht: Der Tonfall, die Perspektive wirken so individuell und bewusst gestaltet, dass man manchmal den blinden Sänger im Vortrag schmunzeln zu sehen meint.

Sieben Städte sollen sich im Altertum darum gestritten haben, Homers Geburtsort gewesen zu sein, aber welcher Stadt auch immer die Ehre gebühren mag, sie hat einen Dichter hervorgebracht, der den mythischen Stoff auf prägnante Weise aufgespießt hat. Die Geschichte um den Raub der Helena durch den trojanischen Prinzen Paris, die die zehnjährige Belagerung Trojas durch die Griechen nach sich zieht, diesen Stoff hat Homer auf einen zentralen Konflikt hin zugespitzt: auf den Zorn des Achill.

Homer ist also das Gegenteil eines braven Chronisten, der alles erzählt, was überliefert wurde, er will erkennbar eine Form für seine Geschichte schaffen, seinen eigenen Blickwinkel gewinnen. Deshalb lässt er so vieles weg, was wir mit dem Trojanischen Krieg verbinden – das hölzerne Pferd etwa kommt gar nicht vor. Stattdessen erzählt Homer eine Geschichte von der Macht der Affekte: Das Kriegsglück ist den Griechen nicht mehr günstig, die Pest wütet in ihrem Lager, alles spricht dafür, dass Apoll grollt, weil Agamemnon, der oberste Führer der Griechen, Chryseis, Tochter eines Apollon-Priesters, als Kriegsbeute erobert hat. Die anderen Griechen drängen ihn, Chryseis zurückzugeben. Zähneknirschend beugt er sich dem Druck, aber warum ausgerechnet er, der doch der Erste unter den Griechen ist, auf sein Ehrgeschenk verzichten soll, Achill hingegen das seine behalten darf, das will ihm nicht einleuchten. Also erhebt er im Gegenzug Anspruch auf Achills Beutemädchen Briseis – und schon sind die beiden Männer keine Waffenbrüder mehr, sondern heillos überworfen. Achill ist gekränkt und beschließt, den Kämpfen fernzubleiben, bis die Griechen wieder angekrochen kommen, weil sie merken, dass ohne ihn der Krieg um Troja nicht zu gewinnen ist ...

Keine Moral, sondern eine große Kraft

Man kommt beim Nacherzählen schon so in Fahrt, dass man sich bremsen muss, nicht gleich die ganzen 24 Gesänge auszuplaudern. Nun, die Ilias ist ein Kriegsepos. Spätere Zeiten haben deshalb der Odyssee den Vorzug gegeben, weil diese ziviler und psychologischer, mithin moderner erscheint. Aber vielleicht ist ja gerade die konsequente Rückführung alles Geschehens auf Affekte und Ressentiments in der Ilias für uns "Moderne" besonders lehrreich: Denn Homer, der wahre Schlachtengemälde entwirft, verurteilt den Krieg nicht. Mut, Kühnheit, ja Blutrausch finden seine Anerkennung, aber in keinem Moment überhöht er den Krieg moralisch. Dass das alles im Grunde ein sinnloses Schlachten ist, daran gibt es keinen Zweifel – was aber wiederum auch nicht gegen die Sache zu sprechen scheint. So etwas wie einen moralischen Kriegsgrund konstruiert Homer nicht, es führen hier nicht die Guten einen gerechten Krieg gegen die Schlechten. Ja, richtig, Paris hat Helena geraubt, aber das machen Männer nun mal, für eine nationale Opfergeschichte der Griechen reicht das hinten und vorne nicht. Weshalb die Troer und die Griechen für Homer moralisch ebenbürtig sind.

Statt Moral gibt es Gefühle. Sie sind sinnlos, aber groß. Der Zorn des Achill ist keine höhere Moral, sondern nur eine große Kraft. Die Emotionen verwandeln Menschen in Heroen. Staunend erzählt der Sänger von den Effekten des Thymos, wie die Griechen Seelenregungen wie Stolz und Kränkung nannten. Wo Vergil in seiner Aeneis eine Legitimationsgeschichte des Römischen Reichs schafft, fehlt der Ilias dieser Rechtfertigungszusammenhang. Die Griechen waren keine Moralisten.

Die Ilias, selbst ein klassisches Werk, hat klassische Übersetzungen hervorgebracht. Für die deutsche Sprache war die Übertragung durch Johann Heinrich Voß am Ende des 18. Jahrhunderts die wirkmächtigste. Voß gelang es, einen rhythmisch federnden, unmittelbar mitreißenden Hexameter zu bilden, den man, einmal eingetaucht, so leicht nicht aus dem Ohr verliert. Der große Gräzist Wolfgang Schadewaldt schuf dann um die Mitte des letzten Jahrhunderts eine Prosaübersetzung der Odyssee, die die Ferne des Ursprungstextes durch eine archaische Schroffheit des Deutschen ausstellte. Bei der Ilias entschied er sich dann für freie Rhythmen, ein Kompromiss, der das Rhapsodische des Epos zu bewahren half, ohne sich nach den metrischen Notwendigkeiten des Hexameters strecken zu müssen.

Man sollte Übersetzungen nicht hierarchisieren. In gewissem Sinne gleichen sie schönen Hotels in einer herrlichen Urlaubslandschaft, sagen wir: an der Amalfiküste. Die verschiedenen Übersetzungen sind dann wie verschiedene Hotels, jedes ist auf seine Art reizvoll, aber jedes eröffnet eben auch einen anderen Blick auf das Meer und die Steilküste.

Vom Versmaß im Stich gelassen

Für den Manesse Verlag hat nun Kurt Steinmann die Ilias neu übersetzt. Wie schon seine Übertragung der Odyssee ist auch seine Ilias-Übersetzung eine in Hexametern. Das ist an sich schon eine grandiose Leistung, modernes Deutsch in ein solches Versmaß zu bringen, ohne dass es pompös oder unfreiwillig komisch wirkt. Steinmanns Deutsch ist körnig, plastisch, präzise, gerade was alle Aspekte des Handwerks des Tötens betrifft: Wie Speere krachend die Stirn durchbohren, um am Hinterkopf wieder auszutreten, das beschreibt Homer mit der Detailgenauigkeit eines Kupferstechers. Auch die üppigen Vergleiche, die Homer liebt, hat man bei Steinmann stets in aller Konkretheit vor Augen (so die vielen Variationen, in denen Homer den Angriff der Krieger mit dem Heranbrausen der stürmischen Brandung vergleicht).

Gleichzeitig aber ist der Hexameter eine markante Formgeste, die zum Charakter des Epos dazugehört. Immer wieder erwischt man sich bei der Steinmann-Lektüre, wie man vom leisen zum lauten Lesen wechselt. Wer die Ilias für sich entdecken will, ist bei Steinmann in besten Händen.

Ein kleiner Einwand sei gleichwohl formuliert: Steinmann behandelt den Hexameter allzu oft auf eine sehr arithmetische, silbenzählende Weise –sechs Hebungen hat er bei ihm immer, wie es sich gehört. Aber allzu oft erhalten bedeutungsarme Wörter den Akzent, sodass man erst am Ende des Verses versteht, wo der Übersetzer die Akzente gesetzt wissen wollte. Nehmen wir als Gegenbeispiel einen der schönsten Hexameter der deutschen Dichtung, den Eröffnungsvers aus Goethes Reineke Fuchs: "Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen, es grünten und blühten". Hier ist unmittelbar und alternativlos, also eineindeutig klar, welche Silben der Leser zu betonen hat, weil das rhythmische und das semantische Muster zur Deckung kommen: Es sind die bedeutungstragenden Silben, die den Akzent zwingend auf sich ziehen. Bei Steinmann sind es allzu oft bedeutungsschwache Wörter, bei denen nicht klar ist, welchen Silben der Akzent gebührt. Ein Beispiel aus dem 16. Gesang, wenn Achill seinen Freund Patroklos fragt: "... oder hast einzig du aus Phtia gehört eine Nachricht?" Erst in der zweiten Hälfte des Verses werden die Betonungen zwingend, während die erste Hälfte ("oder hast einzig du") verschiedene Betonungen erlaubt. Der Leser gerät an solchen Stellen (3. Gesang, Vers 189: "... als einst die Amazonen kamen, die stark sind wie Männer") ins Schwimmen, fühlt sich vom Versmaß im Stich gelassen. Oder die bedeutungsärmere erste Silbe erhält den Akzent und zwingt damit die eigentlich bedeutungsreichere zweite Silbe in die unbetonte Stellung, wie in Vers 295 aus dem 2. Gesang: "Für uns aber ist’s schon das neunte Jahr, das jetzt umläuft ..." Der daktylische Charakter des Hexameters verlangt, dass man ("Pfingsten"!) mit einem Paukenschlag einsetzt und den Leser mit diesem Schwung bis zum Ende des Verses lenkt.

Und doch ist Steinmann eine dichterische Übersetzung gelungen, die den prächtigen Glanz des gebundenen Verses nutzt, ohne die sprachliche Ordnung des Originals aus den Augen zu verlieren. Diese Ilias werden noch viele Generationen lesen.

Homer: Ilias. Aus dem Griechischen von Kurt Steinmann; Nachw. von J. P. Reemtsma; mit Illustr. von A. Christian; Manesse Verlag, München 2017; 576 S., 99,– €