Wie ein gefährlicher Militarist sieht Eisuke Mori nicht aus. Der Vorsitzende des Ausschusses für die Verfassungsreform im japanischen Unterhaus ist ein jovialer, etwas rotgesichtiger älterer Herr, der in seinem Parlamentsbüro in Tokio erst einmal von den schönen Erinnerungen an seine Deutschlandbesuche erzählt. Das malerische Bamberg hat ihm besonders gut gefallen. Doch unser Gespräch gilt einem extrem umstrittenen Projekt von Moris Regierung: der geplanten Aufwertung der Armee in der japanischen Verfassung. Da gebe es, versichert der konservative Politiker, keinen Grund zur Sorge: "Unsere Nachbarländer sollten wissen, dass sich nichts ändern wird, was den Einsatz des Militärs betrifft."

Die Verfassungsreform, für die der Abgeordnete Mori zuständig ist, soll zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg die Existenz einer japanischen Armee offiziell machen. Der Streit darüber ist nicht einfach Politik, er wühlt die Geschichte auf. Er berührt Japans Rolle als aggressive Macht in den 1930er und 1940er Jahren, als asiatischer Verbündeter Hitler-Deutschlands, und er lässt den Vorwurf aufleben, dass Japan sich dieser Vergangenheit nie wirklich gestellt habe. Diese historische Dimension macht jede leiseste Andeutung einer japanischen Remilitarisierung so explosiv – aus der Sicht seiner Nachbarn in Asien, aber auch für viele Japaner selbst.

Bisher existiert Japans Militär, bezeichnet als "Selbstverteidigungskräfte", in einer juristischen Grauzone und unter rigiden Beschränkungen. Der strikte Pazifismus der Verfassung Japans, die dem Land nach dem Krieg von den siegreichen USA auferlegt wurde, ist auf der Welt einmalig. Für Moris Parteichef, Premierminister Shinzo Abe, ist der Abschied von diesem totalen Antimilitarismus ein Akt überfälliger Normalisierung. Mehr Verteidigungsbereitschaft scheint nur logisch in einem Moment, da Nordkoreas Atomprogramm auch den Japanern Angst macht.

"Als die Nachricht von der Rakete kam, die über Japan hinwegflog", berichtet eine junge Frau in diesen Tagen, "habe ich mich im Wandschrank versteckt." Sie lacht dabei, aber das ändert nichts an der Hilflosigkeit, die aus der Anekdote spricht.

Für viele Liberale und Linke dagegen bedeutet jedes Abrücken vom Pazifismus einen Sündenfall, den Bruch mit einer Tradition der Friedenspolitik, die in ihren Augen den moralischen Kern der japanischen Nachkriegsidentität ausmacht. Nicht weniger emotional aufgeladen ist das Thema in Korea und China, die vor 1945 von einem imperialistischen Japan kolonisiert oder mit Krieg überzogen wurden. Die Eroberer begingen Greueltaten wie die sexuelle Versklavung von Frauen oder Massaker an der Zivilbevölkerung. Die Vorstellung, dass Japan jemals wieder als arrogante Militärmacht agieren könnte, sorgt in Seoul wie Peking für Bitterkeit und Empörung. Ausgerechnet in dem Augenblick, da Asien eigentlich eine staatenübergreifende Koalition zum Management der Nordkorea-Krise nötig hätte, kommt der Spuk eines neuen japanischen Nationalismus dazwischen.

Der Abgeordnete Mori mobilisiert seine ganze Harmlosigkeit, um solche Bedenken zu zerstreuen. Das Bekenntnis zur Friedfertigkeit, beteuert er, werde unverändert in der Verfassung stehen bleiben, und es solle bloß der schlichte Satz dazukommen, dass Japan über eine Armee verfüge. Und sei es nicht, meint Mori, vollkommen natürlich, die Rechtsordnung an neue Umstände anzupassen? Das Grundgesetz der Bundesrepublik sei doch auch mehrfach geändert worden. Deutschland und Japan hätten schließlich eine ganz ähnliche Geschichte.

Allerdings lebt diese Geschichte in Japan manchmal in einer Weise fort, die in Deutschland undenkbar wäre. Unvorstellbar, dass es in Berlin einen Ort wie den Yasukuni-Schrein geben könnte. Dieses Heiligtum der japanischen Schinto-Religion liegt in einem parkartigen Gelände in Tokio. Im Hof vor dem Schrein weht an einem hohen Fahnenmast die japanische Nationalflagge, an der Front des Gebäudes selbst hängt ein Tuch, das mit gewaltigen Chrysanthemen bedruckt ist, der Symbol- und Wappenblume des Kaiserhauses. Die Besucher treten in auffallend förmlicher Haltung vor den Schrein, um das im Schintoismus übliche Ritual zu vollziehen: Verbeugungen, Händeklatschen, Wurf einer Münze als Opfergabe, abermalige Verbeugung. Es wirkt alles etwas strenger und zackiger als an anderen Schreinen.

Yasukuni ist nicht einfach ein religiöser Andachtsort, es ist eine patriotische Weihestätte: Hier werden die Seelen der Gefallenen aus Japans Kriegen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts geehrt. Der Schrein gerät jedes Mal in die Schlagzeilen, wenn ein japanischer Premierminister ihn besucht. Dann hagelt es Proteste aus Südkorea und China, weil in Yasukuni auch zum Tode verurteilter Kriegsverbrecher gedacht wird. Seitwärts vom Schrein gelangt man zu einem Museum, das für die historische Einordnung sorgt. Die japanische Eroberung Ost- und Südostasiens erscheint hier als antiimperialistischer Befreiungskampf, der dazu diente, die europäischen Kolonialmächte aus der Region zu vertreiben. Der Krieg wird zum Aufstand gegen die ungerechte Vor- und Fremdherrschaft des weißen Mannes. Von einer echten Auseinandersetzung mit der Schuld des eigenen Landes kann keine Rede sein. Eine historische Verstocktheit, die Japans Kriegsgeschichte auch heute noch zum Politikum macht, zur permanenten Quelle eines Misstrauens, das bei Anlässen wie der aktuellen Verfassungsdebatte sofort hervorbrechen kann.