In der Kleinstadt Balaguer hängen separatistische Aktivisten an einem späten, eisig kalten Abend Wahlplakate für Oriol Junqueras auf, den inhaftierten Chef der Partei Esquerra Republicana (ERC). Nötig wäre das nicht. Balaguer ist eine Hochburg der katalanischen Abspalter. In der 17.000 Einwohner zählenden Stadt werden sie mit Sicherheit die Wahlen gewinnen. Sollte Katalonien unabhängig werden, kann man hier heute schon einen Eindruck gewinnen, wie es sich in einer katalanischen Republik leben würde. Ana Moreno kann davon erzählen.

Die 37-Jährige ist in Granada, im südspanischen Andalusien, geboren. Sie zog mit ihrem Mann vor 15 Jahren in die malerische Stadt am Fuße der Pyrenäen. Sie brachte hier zwei Kinder zur Welt und eröffnete einen Indoor-Kinderspielplatz, der sehr bald schon gut lief. Sie hatte in Balaguer ein gutes Leben gefunden, ein Auskommen, eine Perspektive. Der relative Reichtum Kataloniens stützt sich zu ganz wesentlichen Teilen auf Menschen wie Ana Moreno, auf Zuwanderer, die im Laufe der letzten Jahrzehnte aus anderen Landesteilen Spaniens kamen.

Als Ana Moreno ihre Kinder in den Kindergarten brachte, musste sie bald feststellen, dass sie nur auf Katalanisch betreut wurden. Ab dem ersten Jahr Grundschule, so beschied man ihr, werde dann auch Kastilisch hinzukommen, die offizielle Sprache Spaniens, und zwar zwei Stunden pro Woche, gleichviel wie die Fremdsprache Englisch. Moreno wollte das nicht akzeptieren und klagte dagegen. Das Oberste Gericht Kataloniens gab ihr im Juni 2014 recht. Es verpflichtete die Schule dazu, sich an das Gesetz zu halten. Das besagte: 25 Prozent des Unterrichts müssten auf Kastilisch gehalten werden, 75 Prozent auf Katalanisch.

"Zu Beginn des Schuljahres", berichtet Ana Moreno, "rief mich ein Journalist an und sagte: ›Sie sind doch die Mutter, die geklagt hat?‹" Moreno wollte darauf nicht antworten. Am nächsten Tag erschien in einem lokalen Medium die Schlagzeile: "Familie, die gegen die immersió cultural geklagt hat, versteckt sich."

Immersió cultural (Eintauchen in die Kultur) ist der Begriff für den möglichst umfassenden und frühzeitigen Unterricht für nicht katalanisch sprechende Kinder in Katalanisch. Der Journalist setzte dann zu der Geschichte noch einen Tweet ab, in dem stand: "Auch wenn sich die Familie versteckt, wir wissen – die Welt ist klein!"

Die Welt ist klein, das war der Name des Spielplatzes, den Ana Moreno in Balaguer betrieb. Nach diesem denunzierenden Tweet begann eine regelrechte Hatz gegen die Familie Moreno. Die Kinder wurden nicht mehr zu Freunden eingeladen; der Spielplatz wurde stillschweigend boykottiert; Nachbarn wechselten die Straßenseite, wenn sie Ana Moreno sahen; Schulinspektoren suchten sie auf, um Druck auszuüben. Das Ergebnis: Die Kinder gehen heute in einer größeren Stadt zur Schule, sie fahren jeden Tag mit dem Bus jeweils 30 Kilometer hin und zurück. Ana Moreno hat ihr Geschäft, den Spielplatz, verkaufen müssen, weil kaum jemand mehr kam. Sie lebt immer noch in Balaguer, ihr Mann verdient in der Gegend sein Geld. Sie selbst sagt von sich: "Man hat mich für verrückt erklärt!" Dabei wollte sie nur, dass ihre Kinder mehr Unterricht in Kastilisch erhalten – ein Recht, das ihr zusteht, höchstrichterlich beglaubigt.

Doch mit ihrem Beharren auf dem Recht hatte Ana Moreno offenbar den Frieden in Balaguer gestört. Jordi Ignasi Vidal, Bürgermeister der Stadt und Mitglied der separatistischen Partei Esquerra Republicana, sagte damals öffentlich: "Diese Frau hat ihr eigenes Interesse über das der Schule gestellt. Andere Eltern sahen nicht ein, warum sie alles ändern sollten, nur weil sie es wollte. Wir haben sie nicht gemobbt, wir wollten nur, dass die Richter sich nicht in Angelegenheiten der Schule einmischten!"

Der Bürgermeister verteidigte die Schule gegen das Recht. Gesetze? Gerichtsentscheide? Was kümmert es uns! Diese Episode aus der katalanischen Provinz steht für das Rechtsverständnis der ganzen Bewegung. Am 1. Oktober ließen die Separatisten ein Referendum über die Unabhängigkeit abhalten, obwohl es verfassungswidrig war. Verfassung? Gilt für uns nicht! Ein Stück Papier, nichts weiter! Mental haben sich die Separatisten längst schon vom Staat Spanien verabschiedet. Sie leben in einer anderen Welt, sie machen sich ihr eigenes Recht.