Ein Darstellungsproblem der Gegenwart besteht darin, dass Menschen es im Internet so rasend aufregend finden, aber ein Mensch, der gerade im Internet ist, rasend langweilig aussieht. Für Filme oder Romane zum Beispiel ist eine mit dem Internet beschäftigte Figur unspannend: Sie sitzt, geht, steht und blickt auf einen Bildschirm. Andererseits erlebt sie dabei die Welt, was schwer zu zeigen ist, kommt mit anderen in Verbindung und setzt Aspekte ihrer Persönlichkeit ein, die außerhalb des Netzes selten unmittelbar zur Anschauung kommen.

Diese Spaltung mitten durch den Netz-Menschen raubt auch der Soziologie und der Kulturwissenschaft den Schlaf, weil sie sich so schwer in schlüssige Narrative integrieren lässt. Man fragt sich: Was macht der ungerührt an seinen Geräten klebende Mensch? Ist er im Netz ein anderer? Ein aufregendes Erklärungsmuster hat jetzt Andreas Bernard vorgeschlagen, der lange als Journalist gearbeitet hat und inzwischen als Professor für Digitale Kulturen in Lüneburg lehrt. Wir, die Subjekte des Internetzeitalters, schreibt er in seiner Studie Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur, verhalten uns zu uns selbst wie Polizisten und Psychiater zu Delinquenten und Patienten. Wir ermitteln verdeckt gegen uns selbst.

Während wir äußerlich ein relativ unauffälliges Leben führen, entstehen durch die Daten, die unsere internetfähigen Geräte produzieren, detaillierte Forschungsgrundlagen über unsere Motive und Anlagen. Da sind der Verlauf der Seiten, die einer im digitalen Raum aufruft, sowie die daraus sich ergebenden personalisierten Anzeigen und Angebote, Ortungsmarken, die aufzeichnen, wo sich jemand im analogen Raum aufhält, nebst selbst gemachten Fotos, Statusmeldungen und natürlich den sozialen Kontakten und wiederum deren Reaktionen. In der Masse seiner Daten wird noch das gewöhnlichste Individuum erkennbar, als sei es eine besonders interessante oder verdächtige Person.

Das quantifizierbare Selbst

Der Agent allerdings, der hier Profile über uns anlegt, unsere Wege und Körperströme ausliest und mit Richtwerten abgleicht – dieser Agent sind hauptsächlich wir selbst. Wir haben dabei den Eindruck, all das freiwillig zu tun, und machen uns zum Beispiel vor, wir könnten unsere Geräte jederzeit ausschalten. Währenddessen verstricken wir uns nur weiter in unsere Daten: "Zweifellos gehört es zu den auffälligsten Kennzeichen der Gegenwart", schreibt Bernard, "dass Prozesse der Normierung und Regulierung von Menschen, die bis vor wenigen Jahrzehnten von einer staatlichen, wissenschaftlichen oder polizeilichen Instanz gesteuert worden sind, nun auf die betreffenden Individuen übergehen."

Bernard zeigt eindrucksvoll, inwiefern Techniken, die heute der Kultivierung des Selbst dienen, aus der Kriminologie und den exakten Humanwissenschaften stammen. Die "Profilierung", erwünscht in sozialen Netzwerken und in Bewerbungsprozessen, führt er auf die Verbindung von Psychologie und Polizeiarbeit zurück, aus der sogenannte Täterprofile entstehen. Er analysiert, wie Ortungsdaten, die uns helfen, minutenschnell Essen und Taxis zu bestellen, zunächst von zu militärischen Zwecken installierten Satellitentechnologien ausgingen. Dann erwiesen sie sich als nützlich für die Koordination von Polizeieinsätzen, bevor sie schließlich zur Verhaltenssteuerung eingesetzt wurden: durch elektronische Fußfesseln wie durch Smartwatches und Selftracker. Die zählen auch unsere Schritte, messen den Blutdruck, zeichnen Gefühlsschwankungen auf und schaffen ein quantifiziertes Selbst, dessen Grundformen Bernard in der Anthropometrik und Psychophysik des 19. Jahrhunderts ausmacht. Deren Erkenntnisinteresse war es, deviantes Verhalten durch physiologische Anomalien zu erklären und sich dabei mit empirischen Methoden von den narrativen Formen der Psychoanalyse (und der Kunst) zu lösen.

Bernard bringt diese historischen Erklärungen in die Form der Genealogie, die, wie auch die Analyse der Macht der Internalisierung, aus den Arbeiten Michel Foucaults kommt: Praktiken und Techniken können sich, so die Erkenntnis, historisch erhalten, während sich ihre Deutung so stark ändert, dass es sich kaum noch um dieselben Phänomene handelt. Wie umstürzend sich ändert, was Menschen von ihrer "Verdatung" halten, zeigt Bernard, indem er die Widerstandsbewegungen gegen die Volkszählungen noch vor dreißig Jahren der willfährigen Preisgabe intimster Angaben heute gegenüberstellt.

Der Genuss der Selbstinszenierung

Ein solch krasser Wertewandel schreit nach einer Erklärung, die Bernard in Komplizen des Erkennungsdienstes aber nur am Rande geben kann. In einem schmalen letzten Kapitel bringt er die Verinnerlichung des Zwangs zum Datensammeln und -präsentieren in Verbindung zur in alle Lebensbereiche wirkenden Logik des Wettbewerbs, die einen "marketingstrategischen Zugang zum eigenen Selbst" erfordere. Ein Entfremdungs-Argument also, das einmal mehr das einseitige Bild der Ideologiekritik vom Menschen suggeriert, der eigentlich gar nicht wollen kann, was er doch offensichtlich will.

Um die Anziehungskraft der Selbstkultivierung im Digitalen zu verstehen, wäre vielleicht eine zweite genealogische Linie hilfreich gewesen. Eine, die auch nichtpolizeiliche Formen normierter Selbstdarstellung in Betracht zieht, sagen wir die Beichtspiegel, Stammbücher und Poesiealben früherer Jahrhunderte. Oder klassische "Orte der Selbstpräsentation" wie Vorgärten, Moden und Familienwagen – kurz, all die Arten, auf die Menschen schon analog unentwegt preisgaben, "wer sie sind". Auch das subjektive Bedürfnis danach zieht ja in der Kulturgeschichte lange Spuren. Im Internet wird es allerdings auf grelle Weise übererfüllt. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat jüngst argumentiert, dass die Besonderheit des Selbst gerade im Internet stark und einseitig mit positiven Affekten aufgeladen werde, dass der Mensch sich im Internet in einem "Echoraum des Begehrens" aufhalte, "der die Wünsche erfüllt, bevor sie überhaupt artikuliert werden". Diesen Aspekt der Wunscherfüllung muss man sich dazudenken, um zu begreifen, warum die vernetzten Subjekte ihr Leben als "Komplizen" ihrer eigenen Verdinglichung, als Polizisten ihrer Selbst, womöglich gar nicht als Problem empfinden, sondern sehr genießen.

Andreas Bernard: Komplizen des Erkennungsdienstes. Das Selbst in der digitalen Kultur; S. Fischer, Frankfurt/Main 2017; 240 S., 24,– €