© Petra Bahr

"Das ist unsere Krippe, mit Maria, Joseph und Kind", sagt der junge Mann mit dem schwarzen Rollkragen und der großen Brille und sieht mich herausfordernd an. "Ich hasse diesen ganzen Weihnachtskitsch", schiebt er hinterher. Aber ohne Krippe will er auch nicht sein. Also präsentiert er seinen Besuchern im karg möblierten Wohnzimmer seine Version. Der Adventskranz ist aus Edelstahl. So ausgenüchtert und abstrakt sind vermutlich nicht viele Krippenszenen. Außer in Architekturbüros. "Architektenkitsch", denke ich erst viel später, als ich im Raumausstattungsladen die gleiche Variante entdecke.

Was den einen Strohsterne und blinkende Rentiere, sind anderen minimalistische Bilder. Die Weihnachtszeit ist und bleibt dekorationsanfällig. Warum auch nicht? Die Verklärung der dunklen Jahreszeit durch Lichter, Bilder und Gerüche schadet der religiösen Botschaft nicht. Es mag Geschmacksmilieus geben, die sich wechselseitig verachten, doch die Sehnsucht danach, Innen- und Außenräume zu verkleiden und buchstäblich in ein anderes Licht zu tauchen, teilen auch die, die sich über Geschmäcker streiten.

Die Lust an der Verzierung, der Drang danach, die Sinne in Festzeitstimmung zu bringen, ist nicht verwerflich. Im Gegenteil. Religiöse Zeiten brauchen äußere Zeichen. Deshalb sind sie kitschanfällig. Sie drängen nach Ritualen und nach dem Wiedererkennbaren oder auch nur Ersehnten der Kindheit, und sei es noch so verfremdend wie die coole Krippe des Architekten. Das Dekorative gibt es in üppiger und schlichter Variante, fürs Auge, für die Zunge und für die Ohren. Auch das Weihnachtsoratorium, und sei es künstlerisch und theologisch noch so anspruchsvoll, wird zum Kitsch, wenn es alle Jahre wieder wie die Füllung der Gans und die Erzgebirgspyramide in die Wochen vor dem Christfest eingebaut wird. Kitsch, das ist das, was beruhigt, was nicht zum Denken nötigt, nichts infrage stellt und keine Irritationen auslöst. Es regt die Sinne auf sanfte Weise an, bleibt verträglich, freundlich und bestätigend. Deshalb eignet sich der Kitsch auch als Kulisse. Das wohlige Gefühl, sogar das ironische Sentiment, es ganz anders als die Eltern zu machen, die kleine Provokation hat viele Formen, entgeht dem Kitsch nicht.

Das Geschimpfe über das bürgerliche Weihnachtsfest, das sich über die provokante Botschaft von der Menschwerdung Gottes gelegt hat wie eine schwere Goldbrokatdecke, läuft da ins Leere, wo die Dekoartikel nur in der Form variieren. Es gibt auch einen Antiweihnachtskitsch, der selbstgefällig Bilderstürme feiert. Es braucht eine innere Haltung, die im Kitschbedürfnis noch Platz für Überraschungen lässt. Vielleicht ist der Kitsch der einen genau die Provokation für die anderen. Und so die Möglichkeit für wahre Weihnachtsbotschaften.