Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. Kein anderer Satz aus einem Adventslied klingt so rätselhaft schön wie dieser. Er findet sich in der zweiten Strophe des Liedes Macht hoch die Tür, die Tor macht weit. Der Herr der Herrlichkeit, von dem in der ersten Strophe die Rede ist, benutzt die Sanftmütigkeit als sein Gefährt. Kann man denn mit der Sanftmütigkeit fahren? Hat sie Räder? Was ist das überhaupt – Sanftmütigkeit? So fragt man sich. Später verbindet man die Sanftmütigkeit als Gefährt mit dem Esel, auf dem Jesus über einem Teppich von Palmwedeln in Jerusalem einreitet. Auch das erstaunlich: ein Teppich auf der Straße. Der, den die Menschen verehren, kommt auf einem Esel daher, nicht hoch zu Ross.

Das passt zu den Seligpreisungen in der Bergpredigt. Eine von ihnen sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen. Ererben werden sie das Land – so kann man das genauer wiedergeben; und die Sanftmütigen muss man sich dabei als Menschen vorstellen, die keine Gewalt anwenden, nicht auf dem hohen Ross daherkommen, niemanden das Fürchten lehren.

Dass das Sanfte und der Mut zusammenpassen, geht uns schwer in den Kopf. Mut ist kühn, nicht sanft. Er greift an und weicht nicht zurück. Er prescht voran und lässt sich keine Zeit. Sollte es noch eine andere Art des Mutes geben: Mut, der dem anderen Raum lässt und sich nicht über ihn erhebt? Mut zum Zuhören, Annehmen, Weiterhelfen? Das ist der andere Mut, den Jesus ausstrahlt: das Kind in der Krippe, der Mann auf dem Esel, der gewaltlose König. Pferde galoppieren, aber Esel? Wer auf einem Esel kommt, der nimmt sich Zeit. Gewiss gibt es Situationen, in denen man schnell sein muss. Wenn die Feuerwehr gerufen wird, wenn Terrormilizen Menschen köpfen, wenn Flüchtlinge in zu kleinen Booten den Wellen des Mittelmeers ausgeliefert sind, dann gilt es, Leben zu retten, sofort. Aber zum Menschsein gehört es auch, dass wir uns Zeit nehmen.

Wie Jesus, der gemächlich in Jerusalem einreitet und dabei mit denen redet, die neben ihm zu Fuß gehen, weil er nicht schneller ist als sie. Zeit schenkt er. Denn er ist sanftmütig.

Auf nichts blickt die Menschheit heute mit größerem Stolz als auf ihre Geschwindigkeit. Wer es weit bringen will, muss schnell sein. Wer viel Geld verdienen will, muss es mit einem Mausklick um die Welt jagen. Wer renommieren will, sagt beim Mittagessen beiläufig, er sei morgens erst aus New York zurückgekehrt, wo er am Abend vorher noch ein wichtiges Gespräch geführt habe. Geschwindigkeit ist Macht. Wer es langsam angehen lässt, verzichtet auf Macht. Auch das ist Sanftmut.

Mit ihr kommt die Liebe. Sie braucht Zeit. Wie schwer es ist, sich Zeit zu nehmen und mit anderen Zeit zu verbringen, kommt an Weihnachten heraus. Das Resultat ist "Weihnachtsstress": der Stress der Verlangsamung und des Nichtstuns. Das Jesuskind liegt in der Krippe – nett anzuschauen, aber was hat das mit meinem Leben zu tun? Bin ich Jesus? So heißt ein bei jungen Leuten beliebter Spruch. Doch Jesus lehrt uns Geduld mit anderen. Und wir hoffen, dass andere mit uns Geduld haben, wenn wir zweifeln und unseres Weges nicht sicher sind.

Kann die christliche Weihnachtsbotschaft auch Nichtgläubigen Mut machen? Überschreitet sie alle Grenzen zwischen Glaubenden, Suchenden und Ungläubigen? Ja, das schildert schon die Weihnachtsgeschichte selbst. Die Botschaft des Engels, "Fürchtet euch nicht!", macht nicht halt an Kirchenmauern. Seine Ermutigung gilt allen Menschen. Der Unfriede im eigenen Herzen, die fehlende Wärme untereinander, die Suche nach Trost und Zuversicht – in der Botschaft des Engels finden sie Antwort. Sein Ruf gilt jedermann.

Von Weihnachten zieht sich eine Spur der Zuversicht durch die Geschichte. Sie führt hin zu der Einsicht, dass jeder Mensch die gleiche Würde hat. Gegen diese Einsicht wurde immer wieder verstoßen, auch von den christlichen Kirchen selbst. Aber wenn wir Versöhnung predigen und Frieden halten, folgen wir dem Engel, der Gott die Ehre gibt, folgen wir seinem Versprechen der Liebe. Diese Liebe braucht Freiräume: sich auszusprechen, aufrichtig miteinander umzugehen, geduldig zuzuhören, einen neuen Anfang zu wagen. Wenn nicht an Weihnachten, wann dann?