Im Juli starb der chinesische Bürgerrechtler und Dichter Liu Xiaobo nach jahrelanger Haft. Sein letzter Wunsch, sein Krebsleiden in Deutschland behandeln lassen zu dürfen, blieb unerfüllt. Am 15. Juli wurde seine Asche ins Meer gestreut.

Damals hat man seine Witwe, die Dichterin, Malerin und Fotografin Liu Xia, zum letzten Mal gesehen. Mit kahl geschorenem Kopf, die Augen hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, stand sie im weiten schwarzen Mantel an Bord eines Schiffes irgendwo auf dem Chinesischen Meer – der letzte Akt einer bewegenden Ehe. In seiner Schlusserklärung vor Gericht hatte Liu Xiaobo seiner Frau eine unüberbietbare Liebeserklärung gemacht: "Selbst wenn man mich zu Staub zermahlt, werde ich dich noch mit meiner Asche umarmen." Auf dem Totenbett schrieb er ihr ein Abschiedsgedicht: Liebe, so dicht wie Eis, Liebe, so fern wie Dunkelheit.

Die chinesischen Behörden, die die Bilder von der Seebestattung womöglich als Dokument einer ordnungsgemäßen Entsorgung des international bekannten Friedensnobelpreisträgers verbreiteten, ließen die Witwe danach wieder in der Versenkung verschwinden. Die 56-jährige Künstlerin, die bereits sieben Jahre lang in ihrer Einzimmerwohnung in Peking unter Hausarrest stand, wird seither an einem unbekannten Ort festgehalten. Ihr einziges Vergehen: die Liebe zu einem verstorbenen Staatsfeind. Ein Vorgang, der an Witwenverbrennung grenzt. "Ich will die Version meiner selbst, die in diesem grotesken Leben lebt, in Stücke reißen", schrieb die herzkranke Autorin an den in Berlin lebenden chinesischen Autor Liao Yiwu.

Zum neunten Jahrestag der Charta 08, für die Liu Xiaobo verhaftet wurde, veröffentlicht Liao Yiwu jetzt einen Appell, in dem er fordert, die Witwe seines verstorbenen Freundes freizulassen. "Du bist auf einem einsamen Stern dort", schreibt er und fügt zum Beweis Arbeiten der Künstlerin aus ihrer Fotoserie Einsame Gestirne hinzu, die geheimnisvoll leuchtende Planeten in den ewig schweigenden, endlosen Räumen des Alls zeigen.

Besonders berührend ist ein neuerliches Lebenszeichen der Verbannten, das Liao Yiwu im Original abbildet: ein vergilbtes, aus einem linierten Schulheft stammendes Blatt mit einem handschriftlichen Gedicht der Künstlerin, das an die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller gerichtet ist: "Ich krümme mich zusammen wie ein Ball / wenn jemand an die Tür klopft / verhärtet sich mein Nacken / aber ich kann nicht weg / ich rede mit mir selbst / ich werde verrückt / zu einsam / ich habe kein Recht zu sprechen / laut zu sprechen / ich lebe wie eine Pflanze / ich liege da wie eine Leiche".