"Du kannst alles tragen, weil du so schön bist. Du trägst alles schlecht, weil du so schön bist. Denn deine Schönheit erniedrigt jedes Kleid." Diese Sätze schrieb Madame d’Ora, als sie 1930 von der Berliner Illustrierten Die Dame gebeten wurde, ihr Foto von der schönsten Pariserin zu schicken und selbst zu betexten.

Madame D’Ora, 1881 in Wien als Dora Kallmus geboren, war damals eine der gefragtesten Fotografinnen, sie belieferte Frauen- und Kultur-Illustrierte wie Uhu, Das Magazin oder eben Die Dame mit Fotos aus Paris. D’Ora prägte das Bild der neuen Frau in der Weimarer Republik. Und doch nahm sie die Anfrage der Dame zum Anlass, ihr Sujet, das namenlose Pariser Mannequin, zu verspotten. Es begebe sich auf den "modernen Sklavenmarkt der Schönheitskonkurrenz", schrieb d’Ora, und sei abends meist doch nur "brave Frau eines kleinen Beamten".

Warum die Häme? Wer durch die Ausstellung Madame d’Ora. Machen Sie mich schön! im Museum für Kunst und Gewerbe streift, macht sich bald selbst einen Reim darauf. Denn Madame d’Ora, aus wohlhabender jüdischer Familie stammend, war Feministin im Medium der Fotografie.

Bevor sie 1907 ihr eigenes Atelier in Wien eröffnete, setzte sie durch, als erste Frau überhaupt Zutritt zu den Fotokursen an der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt zu erhalten. Danach ging sie für ein Praktikum in das Berliner Atelier des Fotografen Nicola Perscheid, dem sie gleich den Assistenten ausspannte. Der arbeitete daraufhin für d’Ora in Wien. Nachvollziehbar, dass eine Geschäfts- und Karrierefrau wie sie es wenig selbstbewusst fand, als Mannequin einfach hübsche Kleider vorzuführen. Wahre Unabhängigkeit, so d’Oras Idee, kann man sich nicht überstreifen. Schönheit muss man sich erarbeiten.

Madame d’Ora dokumentierte mit der Kamera die Wandlung der modernen Frau: von den aufgerüschten Kleidern, in die Wienerinnen sich Anfang des 20. Jahrhunderts noch einschnüren mussten, bis zur legendären Freizügigkeit der Nackttänzerinnen Josephine Baker und Anita Berber, die d’Ora zwanzig Jahre später porträtierte.

Die Künstlerin zog 1925 mit ihrem Studio nach Paris, fotografierte Coco Chanel und deren surrealistische Erzrivalin, die Designerin Elsa Schiaparelli. Der große Couturier Cristóbal Balenciaga, ein Freund, versuchte noch 1939, kurz vor Einmarsch der Wehrmacht, für d’Ora und ihre Schwester Anna Kallmus zwei Visa für Spanien zu besorgen. Die Schwestern planten, von dort aus in die USA zu emigrieren. Es gelang nicht. Anna wurde 1942, vermutlich im Vernichtungslager Kulmhof, ermordet.

Die Ausstellung vollzieht den harten Einschnitt des Zweiten Weltkriegs räumlich nach: In einem Raum Madame d’Oras Mode-Bilder, in denen auch Männer zu Sexobjekten werden konnten – etwa der Schauspieler und Chansonnier Maurice Chevalier, den sie 1927 mit weißem Angora-Flauschpulli in so viel Weichzeichner tauchte, dass es wirkt, als wolle er gleich selbst schnurren wie ein Kater. Auf der gegenüberliegenden Seite d’Oras Nachkriegswerk, das vor allem um die Frage kreist, wie und wo sich Schönheit nach dem Holocaust überhaupt noch finden lässt.

Erschütternd: die Tierkadaver-Serie, die d’Ora in den Schlachthäusern von Paris aufnahm, wo sie abgezogene Lämmchen malerisch drapierte. Oder ihre Fotos von "displaced persons", 1946 und 1948 aufgenommen in österreichischen Flüchtlingslagern im Auftrag der UN. Kleinkinder, gebrochene Männer, junge Mütter, leere Blicke. D’Ora machte keinen Unterschied zwischen jüdischen Überlebenden, die in den Lagern auf den Transfer nach Israel warteten, und Vertriebenen aus Osteuropa. Sie alle waren für sie Opfer – Opfer der Bosheit des Menschen. "Die feurige Verteidigung unserer Ideale ist die einzig bleibende Schönheit", notierte sie 1942 im südfranzösischen Exil.

Sätze wie diese schmücken nun eine in historischem Glamour schwelgende und zugleich betroffen machende Ausstellung. Bedauerlich, dass die Autobiografie, an der d’Ora bis kurz vor ihrem Tod 1963 arbeitete, nie erschien. Der opulente Katalog zur Schau ist ein kleiner Trost.

"Madame d’Ora", Museum für Kunst und Gewerbe; vom 21.12.2017 bis 18.3.2018