Es sind Sätze wie "Seine Schilderungen sind für die ZEIT nicht nachprüfbar", die Journalisten gerne benutzen, wenn sie sich einer Geschichte nicht sicher sind, sie aber trotzdem erzählen wollen. So habe ich es im Juli dieses Jahres auch gehalten. In einer Reportage über die wachsende Zahl von Migranten, die, aus den USA kommend, die Grenze nach Kanada überqueren, zitierte ich beispielhaft den Fall des Senegalesen Mbaye Sow ("Hoffen auf Trudeau", ZEIT Nr. 31/17).

In einer Asylbewerberunterkunft in Winnipeg berichtete mir der 29-Jährige, wie er sich zwei Jahre lang zunächst über Südamerika, dann über die Vereinigten Staaten in sein Traumziel Kanada durchgeschlagen habe. Seine Erzählung war detailreich, er konnte bei späteren Nachfragen viele Daten und Orte exakt wiederholen.

Einige Monate nach der Veröffentlichung des Artikels meldete sich eine Amerikanerin aus dem Bundesstaat Washington bei mir und behauptete, die Schilderungen seien "unvollständig und voller Lügen". Hier sei stattdessen ihre, Heather Swanson Sows, Version: Sie habe Mbaye Sow 2016 kennengelernt und wenig später geheiratet. Bald nach der Hochzeit habe er angefangen, sie zu misshandeln, und gedroht, sie zu töten, "wie muslimische Männer ihre Frauen töten". Aufgrund dieser Todesdrohungen habe sie ein gerichtliches Annäherungsverbot gegen ihn erwirkt. Unter anderem wegen dieses Beschlusses habe Mbaye Sow aus den USA in den Senegal abgeschoben werden sollen. Um dies zu verhindern, sagte seine Noch-Frau, und nicht etwa, weil er schon immer nach Kanada habe auswandern wollen, sei er über die grüne Grenze nach Norden geflohen.

Heather Swanson Sow kann viele ihrer Behauptungen mit Dokumenten belegen; sie schickte ihre Heiratsurkunde, ein Hochzeitsvideo, jede Menge Bild- und Tonaufnahmen von sich und Mbaye Sow sowie die richterliche Anordnung gegen ihn, wonach er mindestens 500 Fuß Abstand zu seiner Frau zu halten hat. Eine kanadische Fernsehreporterin, die dem Fall nachging, erhielt von amerikanischen Behörden die Auskunft, Mbaye Sow werde in den USA als illegaler Einwanderer betrachtet und habe seine Fußfessel zerstört, um sich nach Kanada abzusetzen.

Meine Anfragen, wie er sich zu diesen Vorwürfen verhalte, ließ Mbaye Sow unbeantwortet.

Was die Geschichte über Journalismus lehrt? Aus meiner Sicht zweierlei. Zum einen, wie wichtig es ist, im Zweifel von Migranten statt von Flüchtlingen zu sprechen. Diese Unterscheidung ist eben nicht trivial, sondern das ehrliche Eingeständnis des Nichtwissens. Zum anderen lehrt sie, wie verständlich es ist, dass Menschen lügen, wenn es ihnen um das Wichtigste im Leben geht. Für Mbaye Sow waren dies seine Selbstbestimmung und Freiheit. Käme ich aus einem Land ohne Rechtsstaatlichkeit, ohne verlässliche Institutionen und ohne die Aussicht, daran irgendetwas ändern zu können, würde ich auch lügen, um in Europa, den USA oder Kanada bleiben zu dürfen (was natürlich kein Urteil darüber einschließt, wie Sow seine Frau behandelt hat).

Am Ende vieler Recherchen und am Anfang der meisten Schreibarbeit steht die Frage: Was ist das realistische Menschenbild?

Wer behauptet, die Antwort darauf sei einfach, der ist entweder naiv oder ein Zyniker. Journalismus ist der dauernde Versuch, keines von beidem zu sein.