Als Christoph Marthaler im Jahr 2000 Intendant des Schauspielhauses Zürich wurde, gab es dieses wunderbare Foto. Es zeigte den neuen Chef im Foyer, ein wenig abgerissen gekleidet, die Habseligkeiten in einer Plastiktüte. Ein Heimatloser, der am Theater Obdach gefunden hatte. Marthalers Stücke waren damals von zarter Melancholie. Stundenlang musste man warten, bis jemand einen Witz erzählte oder ein tröstender Gesang angestimmt wurde.

Für das reiche Zürich war das nicht repräsentativ genug. Seit er 2004 geschasst wurde, hat Marthaler den "Pfauen", die größte Bühne des Schauspielhauses, nicht mehr betreten. Da er jetzt als Regisseur zurückkehrt, als Gast, hat er Vorsichtsmaßnahmen ergriffen und auf der Bühne einen eigenen Staat gegründet, einen "Bad State". Wie bei einer Bad Bank kann man dort Schulden einlagern, auch solche existenzieller Art – Marthaler nimmt alles auf sich.

Zürich dagegen nimmt es auf sich (Mir nämeds uf öis), noch einmal ein Marthaler-Stück anzuschauen. Zum Check-in in Marthalers Bühnen-Raumschiff, auf Erden ist Vergebung ja nur schwer zu erlangen, treten an: ein verschuldeter Wiener Baulöwe, "Mörtel" Lugner nicht unähnlich; ein korrupter Fußball-Funktionär; eine "Alleinerbin global operierender Briefkastensysteme" – und weitere reputierliche Menschen. Man kann die Besetzungsliste ins Parkett hinein erweitern.

Duri Bischoff hat einen Salon gebaut, der sich hinten zur Pilotenkanzel eines Zeppelins rundet; vor den Fenstern taucht bisweilen in weiter Ferne die Erdkugel auf. An Bord findet ein Unterhaltungsprogramm statt, das musikalisch höchsten Ansprüchen genügt (an zwei Klavieren Bendix Dethleffsen und Stefan Wirth), aber auch zeigt, was sich bei Marthalers Stücken verändert hat. Waren seine Abende früher von depressiver Düsternis, aus der die Figuren sich nur durch Musik und Humor retten konnten, so ist die Aufführung jetzt straff organisiert; aus der beckettschen komischen Leere ist ein immer noch bewundernswertes Tingeltangel geworden, ein kapitalkritisches Service-Modul.

Am deutlichsten zeigt sich das an dem famosen Ueli Jäggi. 2001 spielte er in Marthalers Was ihr wollt- Inszenierung den unglücklich verliebten Malvolio. Auch da befand sich die Figur auf einem Reisegefährt, Marthaler hatte die ganze Inszenierung auf schwankendem Grund angelegt, sein Bezugspunkt war Rimbauds Trunkenes Schiff. Trunken ist in Marthalers neuem Raumschiff nun leider gar nichts mehr. Die Komik ist nur noch professionell und virtuos, und Jäggi singt, als "Whistleblower" und Damen-Coiffeur, Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient von Udo Jürgens.

Das ist, bezogen auf die Züricher High Society, ein hübscher Gag. Aber all die Shitstorm-Organisatoren, Laienpriester und Gammelfleisch-Unternehmer, die bei Marthaler mitfahren, versinken in ihrer eigenen Skurrilität. Am Ende, beim traditionellen Züricher Sechseläutenmarsch, tanzt der Geldadel als verknöcherter Greisenhaufen um eine brennende Unternehmerfigur. Deshalb gab es, mitten hinein in die Schlussovationen, auch zaghafte Buhs. Marthaler zeigt’s den Zürichern, aber Zürich bellt auch ein bisschen zurück.