Das Bundesverfassungsgericht hat über den NC geurteilt.

Seit Jahrzehnten staut es sich vor den Toren der medizinischen Fakultäten: Auf rund 9.000 Studienplätze bewarben sich zuletzt 45.000 junge Menschen. Nicht einmal ein Einser-Abi garantiert einen Platz in Humanmedizin. Manch einer wartet bis zu 15 Semester. Sie alle wissen: Derzeit entscheiden nicht allein Talent und Fleiß über ihre Zukunft – sondern komplizierte Bewerbungsmodalitäten, Kapazitätsberechnungen und Glück.

Dass diese Situation unhaltbar ist, befand jetzt das Bundesverfassungsgericht. Es erklärte die bisherige Vergabe der Medizin-Studienplätze für teilweise verfassungswidrig. Natürlich müsse man die Plätze zuteilen, urteilten die Richter. Sie forderten den Gesetzgeber jedoch auf, die Kriterien dafür gerechter und transparenter zu gestalten. Das Gericht bekräftigt damit eine bildungspolitische Vision der Bundesrepublik: dass die Lebens- und Berufschancen junger Menschen nicht an zu eng bemessenen Universitätsgrenzen scheitern dürfen. Die Bewerber müssen ein chancengerechtes Verfahren durchlaufen haben. Dass das Gericht die Chancenoffenheit betont, ist so wichtig wie konsequent. Denn es ist bereits das dritte Mal, dass Karlsruhe über die Studienplatzvergabe urteilt. Schon in den siebziger Jahren rückten die Verfassungsrichter die Ausbildungsfreiheit des Grundgesetzes in den Mittelpunkt. Sie bedeutet nicht, dass ausnahmslos jeder einen Medizinstudienplatz bekommt, der das möchte. Die Plätze müssen aber gerecht verteilt werden.

Derzeit gibt es vier Kriterien, nach denen die Studienplätze verteilt werden: Eine Vorabquote von 13 Prozent ist Härtefällen vorbehalten. Der Rest verteilt sich nach dem Schema 20, 20, 60: 20 Prozent der Plätze erhalten die Bewerber mit der besten Abiturnote; gemeinhin bezeichnet als Numerus clausus. Er liegt derzeit bei 1,0 bis 1,2. Weitere 20 Prozent können sich ihren Platz mit Ausharren verdienen, das ist die Wartezeitquote. Und 60 Prozent der Plätze werden durch hochschulinterne Auswahltests vergeben.

Letzteres kritisieren die Karlsruher Richter nun deutlich. Denn die Unis ziehen ihrerseits häufig stark die Abi-Note als Kriterium heran. Vor allem aber würden die Auswahlgespräche die Gefahr bergen, unbewusste Präferenzen der Gutachter durchzusetzen und so die Chancengleichheit auszuhebeln. Meint: Ein Arzt sucht eine Arztpersönlichkeit nach seinem Bilde. Das Gericht fordert daher, dass die Gespräche nach einem Standard erfolgen müssen, der sich nur an sachlichen Gründen bemisst.

Auch die Wartezeitregel muss der Gesetzgeber überarbeiten. Es müsse gesetzlich begrenzt werden, so das Gericht, wie lange Bewerber höchstens warten müssten – auch wenn sie dann am Ende keinen Studienplatz bekämen. Die Richter räumen ebenfalls einen Chaos stiftenden Nebeneffekt der Ortspräferenz aus, die Bewerber angeben können. Bislang kann es nämlich passieren, dass ein Kandidat mit 1,3 durch die geschickte Angabe von Wunsch-Unis einen Platz bekommt, eine Kandidatin mit 1,0 aber nicht.

Die Relevanz des Abiturs bleibt unangetastet – vorerst. Es wird noch immer als Ausweis einer mehrjährigen schulischen Leistung bewertet. Allerdings merkt das Bundesverfassungsgericht an, dass das Abi in jedem Bundesland einen anderen Wert habe und inzwischen Nachkommastellen über die Bewerbung entschieden. Wer mit seinem 1,0- oder 1,2-Abi einen Platz tatsächlich verdient habe, sei also kaum mehr nachzuvollziehen. Wenn der Gesetzgeber diese Schieflage nicht korrigiere, so merken die Richter an, könnte das Abitur als sachgerechtes Kriterium langfristig entfallen.

Die To-do-Liste, die das Bundesverfassungsgericht der Politik vorlegt, hat es in sich. Sechzehn Länder müssen sich mit den Unis auf standardisierte Auswahltests einigen. Sie müssen ein transparentes Verfahren entwerfen, das auch die Ortspräferenzen der Studienbewerber mit einbezieht und die Noteninflation einpreist. All das muss bis Ende 2019 geschehen; bis dahin gilt die alte Regel fort.

Politik und Wissenschaft müssen nun wie das Gericht die Chancenoffenheit in den Blick nehmen. In transparenten Verfahren sollten sie künftig diejenigen herausfiltern, die gute Ärztinnen und Ärzte sein könnten. Die größere Aufgabe ist aber eine politische: so viele Mediziner auszubilden, wie sie eine alternde Gesellschaft dringend braucht.