DIE ZEIT: Herr Bengel, haben Sie schon mal selbst gegafft?

Jürgen Bengel: Oh ja. (lacht) Aber darüber möchte ich nichts erzählen. Was ich dabei hochspannend fand: Die Verführungskraft des Glotzens habe ich am eigenen Leib erfahren.

ZEIT: Haben Sie sich danach geschämt?

Bengel: Ja, natürlich!

ZEIT: Fühlen andere Menschen ähnlich?

Bengel: Ich hoffe es, bin mir aber nicht bei allen sicher. Darauf angesprochen, sind gaffende Leute im Rechtfertigungsmodus und antworten mit Schutzbehauptungen: "Das ist eine spezielle Situation", sagen sie dann, "das mache ich sonst nie."

ZEIT: Wenn es so falsch ist, wieso gaffen Menschen dann?

Bengel: Aus Neugierde – und Neugierde ist grundsätzlich positiv. Wir brauchen sie, um auf Änderungen in der Umwelt zu reagieren. Diese Orientierungsreaktion schützt uns vor Unfällen und Bedrohungen. Ertönt ein lautes Geräusch, schauen wir, ob wir betroffen sind. Stürzt gerade das Zimmer nebenan ein, dann ist es wahrscheinlich, dass dies mich auch betrifft.

ZEIT: Ab wann ist das Verhalten problematisch?

Bengel: Wenn wir stehen bleiben und etwas beobachten, mit dem wir nichts zu tun haben – also weder betroffen noch Retter sind. Spätestens ab da wird eine Person zum Gaffer. Dann noch zu filmen oder Rettungskräfte zu behindern ist eine Steigerung davon.

ZEIT: Was weckt die Neugierde so sehr, dass Menschen bereit sind, soziale Normen zu missachten?

Bengel: Die Psychologie hat dazu einige Punkte herausgearbeitet. Sie umreißen, was eine Situation besonders attraktiv macht. Erstens: wenn das Ereignis selten ist. Zweitens: wenn es dramatisch beziehungsweise spektakulär und unkontrollierbar ist. Drittens: wenn viele Personen beteiligt sind. Viertens: wenn ein Beteiligter prominent ist.

ZEIT: Also könnte theoretisch jeder von uns zum Gaffer werden?

Bengel: Richtig. Zusätzlich wichtig ist für uns in so einer Lage, dass wir selber nicht betroffen sind. Denn wir vergewissern uns permanent unserer eigenen Unversehrtheit. In einer spannungsreichen Situation ist unsere Urteilsfähigkeit, und damit die Beachtung sozialer Normen, eingeschränkt. Die Anwesenheit weiterer Zuschauer signalisiert uns zudem scheinbar, dass wir zuschauen dürfen.

ZEIT: Dennoch gaffen oder filmen nicht alle Menschen. Wieso können die sich beherrschen?

Bengel: Es gibt Mechanismen, die uns am Gaffen hindern: Wir sind selbst in Gefahr, verletzen Normen und haben Angst vor Strafe, oder die Reize sind überstark. Manche halten sich an soziale Normen – bei anderen ist das Verlangen nach einem besonderen Ereignis stärker als das Bedürfnis, die soziale Norm einzuhalten.