DIE ZEIT: Herr Lauda, die von Ihnen gegründete Fluglinie Fly Niki hat vergangene Woche Insolvenz angemeldet. Überrascht Sie die Pleite?

Niki Lauda: Die Umstände können einen nur entsetzen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass der Verkauf der Niki aus der Insolvenzmasse von Air Berlin an Lufthansa wettbewerbsrechtlich höchst fragwürdig war. Stellen Sie sich mal vor: In Österreich gab es nur die Austrian Airlines, die schon seit Jahren der Lufthansa gehört, und die Niki.

ZEIT: Die Brüsseler Wettbewerbsbehörde gab zu verstehen, dass Lufthansa mit der Komplettübernahme nicht durchkommt. Daraufhin ließ Lufthansa die Übernahme von Fly Niki platzen und die Fluggesellschaft meldete Insolvenz an.

Lauda: Die Lufthansa hatte das strategisch sehr gut geplant. Die haben der Niki gesagt: Wir wollen euch dringend behalten, obwohl Lufthansa-Chef Carsten Spohr eigentlich wissen musste, dass der Kauf nicht ohne Auflagen der Wettbewerbshüter genehmigt würde. Aber die Lufthansa wollte die Start- und Landerechte, die Niki an verschiedenen Flughäfen hat. Und nun, mit dem Widerstand aus Brüssel, zieht Lufthansa kurz vor Weihnachten den Stecker. Dabei strotzt der Konzern vor Geld, dieses Jahr wird er sicher zwei Milliarden Euro verdienen.

ZEIT: Deutsche Steuerzahler sind etwas fassungslos angesichts der 150-Millionen-Euro-Kredits, den die Bundesregierung an Air Berlin zahlte, um den Flugbetrieb weiter zu ermöglichen.

Lauda: Es war alles geplant. Lufthansa hat sofort reagiert, als Etihad sich davonmachte …

ZEIT: … das ist die Fluglinie, die ursprünglich an Air Berlin beteiligt war und immer wieder Geld zugeschossen hatte.

Lauda: Mit Etihads Rückzug war die Pleite unabwendbar. Dann ging die Lufthansa zur Regierung und sagte: Keine Sorge wir übernehmen Air Berlin und Niki, aber wir brauchen Geld, damit die gestrandeten Passagiere heimkommen. Was macht die Regierung? Sie sagt angesichts der bevorstehenden Bundestagswahl: Wir retten alle Passagiere.

ZEIT: Das ist doch ehrbar.

Lauda: Gerettet haben sie kaum jemanden, die paar, die zurückflogen, sind ja nur die eine Seite. Wer sich für Air Berlin ein Langstrecken-Ticket für den Winter gekauft hatte, wurde dann gegen kräftige Aufschläge von der Lufthansa befördert. Die hat schön abkassiert. Das gleiche Spiel in Deutschland. Da haben sich auf manchen Strecken die Preise verdoppelt. Was die Passagiere da an Geld verloren haben! Darüber redet nur keiner.

ZEIT: Diese Preissteigerungen waren ein Grund, warum Brüssel sich nun so hart gezeigt hat.

Lauda: Lufthansa hat zwei schwere Fehler gemacht. Der erste Fehler war, den Anstieg der Ticketpreise, der infolge der zunehmenden Nachfrage vorhersehbar war, nicht zu verhindern. Die Lufthansa hätte die Buchungsmaschine so programmieren sollen, dass die Flieger voll werden, ohne dass die Preise zugleich über Gebühr steigen. Da springt jede Kartellbehörde drauf, wenn man plötzlich 1.000 Euro statt 600 für den Inlandsflug zahlen soll. Das darfst du einfach nicht tun, weil das die Kunden ärgert.

ZEIT: Und der zweite Fehler?

Lauda: Wer ein Air-Berlin-Ticket hatte, hätte von Lufthansa mitgenommen werden sollen. So ruiniert die Fluglinie ihren Ruf und ihr Image. Und ruft nebenbei die Kartellbehörden auf den Plan.

ZEIT: Am Ende waren es Brüssels Bedenken, die den gesamten Niki-Kauf für die Lufthansa unattraktiv gemacht haben sollen.

Lauda: Die nächste Gemeinheit! Warum zieht die Lufthansa den Stecker kurz vor Weihnachten? Die hätte doch noch ein paar Wochen warten können. Die ist doch schon monatelang so geflogen. Jetzt versaut sie vielen Urlaubern und ihren Kindern den Urlaub. Und dann stehen da Hunderte Mitarbeiter und wissen Weihnachten nicht, wie es weitergeht. Aber Hauptsache, wir bekommen noch ein paar Start- und Landerechte. Da graut’s mir.

ZEIT: Wie haben Sie die vergangenen Tage erlebt?

Lauda: Am Freitag habe ich mit einem Geschäftspartner den Insolvenzverwalter der Air Berlin gesprochen. Wir wollten wissen, wie viele Flugzeuge noch in der Niki sind.

ZEIT: Fly Niki hatte im August 21 Flugzeuge.

Lauda: Genau. Und nun sagt uns der Insolvenzverwalter, es seien zwei bis drei. Was hat die Lufthansa gemacht? Offenbar wurden die Niki-Flieger, die Air Berlin sich von anderen geliehen hatte, weiterverliehen. Das ist für Lufthansa ein prima Geschäft, denn sie kann sicher bessere Konditionen aushandeln als die Pleitefirma Air Berlin. Was die Lufthansa mit den anderen Fliegern gemacht hat, weiß ich nicht. In den nächsten Stunden soll ich erfahren, wie viele Flieger überhaupt noch da sind, am Donnerstag kann ich ein Angebot abgeben, dann sehen wir weiter.

ZEIT: Wenn Sie zum Zug kommen sollten, wollen sie das Geschäft aus Ihrem Vermögen bezahlen?

Lauda: Kann ich nicht sagen, ich weiß ja nicht, was noch da ist. Das ist doch irre!

ZEIT: Was bedeutet das für Kunden, die ihr Ticket bei Fly Niki für nächstes Jahr gekauft haben. Können die noch hoffen?

Lauda: Wenn die Niki jetzt gerettet wird, dann ja. Aber das setzt natürlich voraus, dass auch Flugzeuge vorhanden sind.

ZEIT: Der 150-Millionen-Kredit der Bundesregierung war gekoppelt an den Kauf von Fly Niki durch Lufthansa. Kommt das Geld zurück?

Lauda: Ich weiß nicht mal, woher die Hälfte zurückkommen soll, wie die Insolvenzverwalter dieser Tage behaupten. Das Risiko ist groß, dass gar nichts zurückkommt. Die Niki hat dafür gehaftet ...

ZEIT: ... was eher ungewöhnlich anmutet, denn schon damals war nicht ausgemacht, dass der Kauf auch genehmigt wird.

Lauda: Ein unmöglicher Vorgang. Was da rumgemauschelt wurde, ist schon interessant.

ZEIT: Hatten Sie damit gerechnet, doch noch zum Zug zu kommen?

Lauda: Ich habe immer auf die EU-Kommission gehofft, die ein erkauftes Monopol logischerweise nicht einfach durchwinken kann.

ZEIT: Das bedeutet, das schönste Weihnachtsgeschenk machen Sie sich mit dem Kauf der Fluglinie vielleicht selber?

Lauda: Ich warte mal ab, vor Weihnachten ist das sicher nicht erledigt. Bis Donnerstag wird es mehrere Angebote geben, und Freitag wird es kaum heißen, der Herr Lauda kriegt’s. Das dauert jetzt ein bisschen. Aber ich bin sehr gespannt.