Deutschland tut sich schwer damit, Opfer des Terrors zu betrauern und den Überlebenden zu helfen. Auch heute noch, ein Jahr nach dem Anschlag von Berlin, bei dem zwölf Menschen starben. Zum Vergleich: Die 130 Toten der Pariser Attentate vom 13. November 2015 wurden in der französischen Presse wochenlang den Lesern vorgestellt, ihre Lebensgeschichten wurden erzählt und die ihrer Hinterbliebenen. Anders bei uns; über die Toten von Berlin weiß die Öffentlichkeit wenig. Dafür alles über ihren Mörder. Haben die Deutschen eine Leerstelle im Gefühlsleben?

Zeitungskommentare erinnerten bei dieser Gelegenheit an die Psychologen Margarete und Alexander Mitscherlich, die 1967 in ihrem Essay Die Unfähigkeit zu trauern dem Stupor nachgingen, der die Deutschen nach der Schoah befallen hatte. Doch es passt bloß die Überschrift. Der Versuch, das geringe Ausmaß der Erschütterung nach dem Anschlag von Berlin mit der Nazizeit und ihren Fernwirkungen zu erklären, fiel dann doch allzu konstruiert aus.

Waren die Deutschen einfach nur cool und tapfer? Nun, in Paris, London oder Madrid ging das Leben nach den Terrorattacken zwar ebenfalls weiter, und mit einem trotzigen "Jetzt erst recht" besuchten die Bürger bald wieder Kinos und Cafés. Aber sie hatten öffentlich getrauert, und das nicht nur mit einem hastig abgehaltenen Trauergottesdienst in Anwesenheit politischer und religiöser Prominenz wie im Berliner Fall.

Die Abstumpfung durch täglich zelebrierte Gewalt in den Medien konnte ebenso wenig die Ursache der seltsam lauen Reaktion auf den Terror sein, denn auch anderswo wird ferngesehen. Nein, das Rätsel dieser Leere nach dem Blutbad bleibt ungelöst.

Sie kann nicht ohne Weiteres gefüllt werden. Auch nicht vom Staat. Dennoch war es richtig, nach ihm zu rufen. Denn galt der Anschlag nicht der ganzen Gesellschaft? Der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, der die Republik repräsentierte, tat das einzig Richtige: Er redete mit den Angehörigen der Toten.

Was sie verlangen, haben sie unlängst in einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben: Anerkennung. Der Trauernde will, dass auch andere seinen Schmerz ernst nehmen. Mit den Angehörigen der Ermordeten von Berlin jedoch wurde herzlos und nachlässig umgesprungen. (Die Angehörigen der NSU-Opfer haben das in noch schlimmerer Weise erlebt.) Der Zorn der Hinterbliebenen wuchs erst recht, als bekannt wurde, dass der Täter von Berlin sehr wohl unter Beobachtung gestanden hatte. Deshalb war die Forderung nach einem Gespräch mit Angela Merkel sinnvoll. Für die Bezeugung des Respekts war der Präsident zuständig, aber für die Fehlleistungen des Staates muss die Kanzlerin einstehen.

Die Hinterbliebenen wollen außerdem mehr Geld. Opfern von Gewalttaten stehen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) nur ein paar Tausend Euro zu, das ist meist zu wenig, so sieht es auch die Mehrheit im Bundestag.

Das OEG wurde so begründet: Wo es dem Staat nicht gelingt, seine Bürger vor Gewalttaten zu schützen, soll er wenigstens die materiellen Lasten der Opfer und ihrer Angehörigen mindern. Man könnte nun im Berliner Fall argumentieren, dass der Staat aufgrund des eklatanten Versagens der Sicherheitsbehörden erst recht zahlen müsste. Aber die Opferentschädigung ist eine Sozialleistung, kein Schadensersatz. Wer den will, muss klagen, in diesem Fall gegen den Staat.

Die kommende Regierung, wie auch immer sie aussehen mag, wird wohl eine Reform des OEG in den Bundestag einbringen. Die soll höhere Zahlungen vorsehen – für alle Opfer, nicht nur für die des Terrorismus. Aus politischen Gründen wurde zwar gefordert, das OEG müsse Terroropfern mehr als anderen beistehen. Aber wollte man rechtlich zwischen den Motiven der Gewalt differenzieren, wäre dies eine unzulässige Hierarchisierung verlorenen Lebens.

Trotzdem kann der Staat den Opfern des Terrors in besonderem Maße helfen: Das Justizministerium hat in solchen Fällen ein Budget für Einmalzahlungen. Auf die besteht zwar richtigerweise kein Rechtsanspruch. Aber nichts kann das Parlament daran hindern, dieses Budget spürbar zu erhöhen.

Breitscheidplatz - Berlin gedenkt der Opfer des Weihnachtsmarkt-Anschlags Ein Jahr nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt wird am Breitscheidplatz eine Gedenkstätte eingeweiht. Einige Angehörige hatten der Bundesregierung zuvor zu wenig Unterstützung vorgeworfen. © Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa