Keine zehn Kilometer Luftlinie liegen zwischen der Residenz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und dem Inferno, das sich derzeit in den östlichen Vororten von Damaskus abspielt. Die Gegend, Ost-Ghuta genannt, wird seit 2013 von Truppen des Regimes belagert. Etwa 400.000 Menschen leben dort abgeschnitten von Nachschub an Lebensmitteln und Medikamenten, ohne Schutz vor den anhaltenden schweren Kämpfen. Obgleich die Gegend Teil einer sogenannten Deeskalationszone ist, bleibt Hilfsorganisationen der Zugang weitgehend verwehrt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes beschrieb die Situation am Dienstag so: "Statt zu helfen, hungert das Regime die Menschen aus und bombardiert sie täglich mit Luftschlägen und Artilleriebeschuss. Diese zynische und menschenverachtende Taktik hat das Regime bereits in Aleppo und vielen anderen Städten Syriens angewendet." Denn wie bereits in Aleppo, das Assads Armee vor einem Jahr zurückeroberte, wurden auch in Ost-Ghuta Streubomben und Giftgas eingesetzt. Dem Regime gegenüber stehen bewaffnete Rebellengruppen, aber auch eine unabhängige zivile Verwaltung. Die ZEIT sprach über Skype mit Akram Taameh, der diesem zivilen Rat vorsteht.

DIE ZEIT: Herr Taameh, wir erreichen Sie im belagerten Ost-Ghuta. Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster blicken?

Akram Taameh: Ich kann hier nicht nach draußen schauen, wir haben unser Büro unter die Erde verlegt, um sicherer zu sein bei Beschuss. Es gibt in ganz Ghuta kein einziges intaktes Fenster mehr. Die Bomben und Granaten haben alles Glas bersten lassen. Es ist viel Staub in der Luft, von der Zerstörung. Mehr als die Hälfte der Häuser sind nicht mehr bewohnbar, jedes fünfte ist nur noch ein Berg von Schutt. Es wird jeden Tag schlimmer. Vor einem Monat hat das Regime den Beschuss mit schweren Waffen wieder aufgenommen. In den letzten Wochen haben wir hier Streubomben erlebt, bunkerbrechende Bomben, Giftgas.

ZEIT: Wie schützen Sie sich?

Taameh: Die Zivilverteidigung (eine nichtstaatliche Organisation, auch bekannt als die Weißhelme, Anm. d. Red.) hat ein Warnsystem: Wenn die Bomber von den Militärbasen abheben, wird das im Radio durchgegeben. Man hat dann zehn Minuten, um sich in die Häuser zurückzuziehen. Leider lässt sich nicht abschätzen, welche Route die Bomber fliegen. Es weiß also keiner, ob heute das eigene Viertel dran ist oder ein anderes. Wenn die Bomben einmal fallen, gibt es kein Entkommen. Bei Raketen oder Granaten gibt es überhaupt kein Warnsystem. Der Schulunterricht findet in Ost-Ghuta jetzt ganz früh am Morgen statt, um neun Uhr sollen alle wieder zu Hause sein. Denn der Beschuss läuft meist am Vormittag. Jeder ist hier gefangen und kann nur darauf warten, dass die Tötungsmaschinerie auch ihn erwischt.

ZEIT: Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch etwa 400.000 Menschen in Ost-Ghuta leben. Wie steht es um ihre Versorgung?

Taameh: Es gibt kaum Wasser und sehr wenig Essen. Lebensmittel sind extrem teuer. Ein Paket Brot mit etwa 800 Gramm kostet jetzt 1.800 syrische Pfund (rund drei Euro, Anm. d. Red.). Das ist etwa zehnmal teurer als in Damaskus, das vom Regime kontrolliert wird. Bei uns ist es außerdem rationiert: Es gibt ein Paket pro Familie – alle drei Tage. Viele Menschen können sich nicht mal mehr einen Kohlkopf leisten, das billigste Lebensmittel hier. Einige kriegen Rationen von Hilfsorganisationen, aber das sind viel zu wenige. Ich habe zu den Wohlhabenden im Viertel gehört, inzwischen habe auch ich 20 Kilo Gewicht verloren.

ZEIT: Zuletzt hieß es, Konvois mit Hilfsgütern seien in die belagerten Vororte gelassen worden. Erreicht diese Hilfe die Hungernden?

Taameh: Einerseits sind wir froh, wenn Konvois hereingelassen werden. Was ankommt, ist viel, viel zu wenig, aber es ist besser als nichts. Die Vereinten Nationen haben einige Lieferungen mit hochkalorischer Nahrung geschickt. So konnten wir Suppen an den ärmsten Schulen ausgeben, um wenigstens die Kinder zu erreichen. Die Lehrerinnen dort erzählen, dass trotzdem häufig Kinder ohnmächtig werden, weil sie unterernährt sind. Andererseits bedeutet jeder Konvoi eine Bedrohung. Wenn die Lkw mit den Lieferungen erwartet werden, lässt das Regime besonders schwer bombardieren. Auch die Konvois selbst sind schon häufig beschossen worden, dabei sind Mitarbeiter des Roten Halbmonds getötet worden. In Europa will man das nicht recht glauben, aber dieses Regime geht mit all seiner Macht gegen Zivilisten vor. Die Kampfflugzeuge zielen auf Märkte, auf Krankenhäuser, auf alles, wo Menschen zusammenkommen oder Hilfe suchen.

ZEIT: Auch die Rebellen führen einen bewaffneten Kampf. Wie steht die zivile Verwaltung zu den Milizen?

Taameh: In Ost-Ghuta kämpfen drei große Fraktionen und eine Menge kleiner. Alle sind islamistisch, aber auf verschiedene Weise. Einige Gruppen respektieren unsere Übergangsregierung. Für sie sind wir die zivile Verwaltung, sie die Kämpfer. Andere schwingen sich zu Herrschern auf. Es kommt häufig zu Streit zwischen ihnen und auch zu Kämpfen. Manchmal vermitteln wir von der Übergangsregierung dann. Ich selbst habe das schon getan.

ZEIT: Im Sommer erklärten die Alliierten der syrischen Regierung Ost-Ghuta zu einer "Deeskalationszone". Dort sollen die Waffen ruhen, nur Terrorgruppen wie die Nusra-Front dürfen angegriffen werden. Hat das die Lage verbessert?

Taameh: Es waren die Russen, die dieses Abkommen wollten. Das syrische Regime hat sich nie dazu verpflichtet. Die Ausnahmen für Gruppen wie die Nusra-Front machen die Regelung wertlos: Das Regime behauptet einfach, die Nusra-Front wäre hier präsent, und bombardiert. Dabei ist Nusra hier quasi nicht präsent. Das Regime will die Opposition zerstören. Die "Deeskalationszonen" waren von Anfang an reine PR, vor Ort haben die Kämpfe immer angehalten.

ZEIT: Wladimir Putin hat kürzlich verkündet, Russland werde die Truppen abziehen, der Krieg in Syrien sei gewonnen. Ist es an der Zeit, dass die Opposition sich geschlagen gibt – auch in Ghuta?

Taameh: Es überrascht mich immer noch, wie das Ausland ausblendet, was hier passiert: Baschar al-Assad ist ein Krimineller, der sein eigenes Volk aushungert und das Land zerstört hat. Aber in der Welt reden alle nur von gewinnen und verlieren. Wir haben 2011 einen friedlichen Aufstand gegen das Regime begonnen, und das Regime hat mit Gewalt zurückgeschlagen. Dieses Regime kann nicht gewinnen, es wird immer im Zerfall begriffen sein. Ja, die Opposition ist müde. Aber sie wird nicht aufgeben. Wir können nicht mehr aufgeben. In fünf Jahren Krieg haben wir zu viel verloren. Und wir haben gesehen, was anderswo passiert ist, wo die Opposition fiel: Die Menschen werden vertrieben oder getötet. Es ist unter diesen Bedingungen nicht möglich, auf Versöhnung zu setzen. Wir sind gezwungen weiterzukämpfen. Falls Ghuta fällt, können wir höchstens eine Evakuierung aushandeln, so wie in Aleppo.

Mitarbeit: Sam Alrefaie