Vielleicht waren Sie schon mal hier. Vielleicht wurden Sie schon mal von einem schlecht klimatisierten Reisebus über die A 4 nach Radebeul gekarrt und schließlich vorm Sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth abgesetzt. Vermutlich tranken Sie Wein.

Vielleicht waren Sie sogar beschwipst. Wenn nicht vom Wein, dann zumindest von Kindheitserinnerungen. Sie waren im Karl-May-Museum. Irgendwann hatte doch jeder mal seine Romane verschlungen. Während Sie dann zwischen Vitrinen mit Flinten und Bärenfellen standen, mussten Sie sich plötzlich wieder entscheiden: Hut oder Feder, Winchester oder Tomahawk, Cowboy oder Indianer?

Die Stadt drum herum fanden Sie vermutlich hübsch, aber nicht weiter sehenswert. Also stiegen Sie wieder in den schlecht klimatisierten Reisebus und verschwanden. Wissen Sie, was: Sie haben das wahre Radebeul verpasst. Beginnen wir also von vorne.

Sie kommen aus Dresden mit einer der gelben Straßenbahnen – Linie 4 Richtung Weinböhla. Ein paarmal haben Sie schon aussteigen wollen. Nun liegt die Altstadt von Radebeul hinter Ihnen, samt den bekannten Sehenswürdigkeiten. Die Straße wird leerer, bleiben Sie trotzdem sitzen. Denn so entdecken Sie eine Stadt, in der neben Wein auch der Geist des Friedens und des Raves schlummert.

Sie fahren vorbei an Villen und Weinbergen. Vielleicht überquert sogar die 128 Jahre alte Dampflok IV K 99 539 pfeifend die Straße. "Lößnitzdackel" wird sie hier liebevoll genannt. Der weiße Dampf zieht in das Grün am Horizont. Es wirkt wie eine Filmkulisse. Die Wirklichkeit liegt dahinter.

An der Station Eisenbahnbrücke steigen Sie aus. Neubauten, Brachland, ein retrofuturistisches Gebäude, teilweise mit Glasfassade. Sie stehen vor dem Mega-Drome. In den Neunzigern war das die modernste Diskothek Sachsens, Markenzeichen: der Swimmingpool und das aufschiebbare Dach. Dann gab es Probleme mit Drogen, schon im Jahr 2000 war Schluss. Heute finden hier bestenfalls noch Schlagerpartys statt. Die Wände sind vergilbt, und der Pool ist dreckig.

Lassen Sie es auf sich wirken. Schließen Sie die Augen, stellen Sie sich all die glückseligen Tänzer in Feierkluft vor. Dann werden Sie das Mega-Drome und seinen morbiden Charme mögen. Tänzeln Sie weiter in das angeschlossene Brauhaus Radebeul, und denken Sie daran: Wein auf Bier, das rat ich dir!

Danach fahren Sie weiter mit der Linie 4, um entlang der Weinberge bis zur Moritzburger Straße zu gelangen. Innerhalb von zwei Minuten stehen Sie zwischen Fachwerkhäusern auf dem Dorfanger im Ortsteil Altkötschenbroda. Kehren Sie ein in die Schwarze Seele, um Ihrer Seele mit Hausmannskost und endlich auch einem Glas Wein etwas Gutes zu tun.

Schlendern Sie weiter zur verwunschen wirkenden Friedenskirche. In sich ruhend steht sie da, protzt nicht. Während des Dreißigjährigen Kriegs wurde hier der Waffenstillstand zwischen Schweden und Sachsen vereinbart. Gehen Sie die versteckte Treppe bis auf den Kirchturm hinauf. Sie überblicken Radebeul, sehen das Flimmern der Dresdner Altstadt. Unter Ihnen fließt die Elbe. Friedlich.

Ihnen fällt ein, dass Sie zurückmüssen, aber lassen Sie sich noch zwanzig Minuten Zeit für einen Spaziergang. Gehen Sie von der Kirche aus einen schmalen Pfad hinunter, vorbei an Ziegen und Schafen, dann gelangen Sie an die Elbwiese. Hier ist es still, nur der Fluss rauscht vorbei und manchmal ein verschwitzter Radfahrer in Outdoorkleidung.

Folgen Sie dem Elbradweg bis zu einem hässlichen grauen Betonsteg, den die Radebeuler nur "Panzersteg" nennen. Spätestens wenn Sie an der Kante sitzen und die Beine baumeln lassen, werden Sie das Grau mögen. Erholen Sie sich, hier, in Radebeul. Sie sind ja nun mal da. Denn wissen Sie, was: Auf dem Rückweg können Sie auch die schnelle S-Bahn nehmen. Die hält nur fünf Gehminuten vom Panzersteg entfernt. Am Bahnhof Weintraube.