Eminem, der frühe Eminem, ist immer mein Schriftsteller-Vorbild gewesen, wobei ich mit dieser Eminem-Verehrung selbstverständlich nie allein war. Denn der Rapper galt in den nuller Jahren als Legende, als Rap-Wunder. Und möglicherweise erklärt diese einst so gigantische Bewunderung zumindest einen Aspekt der Brutalität, mit der er jetzt, nachdem er nach vier Jahren wieder ein Album veröffentlicht hat (Revival), ausnahmslos zusammengefaltet wird.

Denn Eminem, das war dieser Typ, der ein Loser war und genau davon erzählte, was sich im Rap überhaupt nicht gehörte. Er war der Erste, der die im Rap-Game heilige Mutter ermordete. Der entscheidende Unterschied zu den anderen Mütter-beleidigenden Rappern war, dass er seine eigene Mutter entweihte (und tatsächlich in seinen Texten immer wieder umbrachte). Er machte sein Persönlichstes mit einer unglaublichen Bereitschaft zum Nacktsein zu einer fortlaufenden Erzählung.

Eine Platte von ihm war ein neues Buch. Denn er erweiterte Rap um Formen, für die die meisten Rapper zu cool oder zu unispiriert waren. Er machte aus Rap Theater, er schrieb Dialoge und fiktive Briefe, geistreich und mehrdeutig. Er wechselte Perspektiven, Stimmlagen, Identitäten. Und verhinderte, dass ihm passierte, was den meisten Rappern (und Schriftstellern, die auch häufig ihren Ursprungstext variieren) passiert: Wenn Rapper reich geworden sind, haben sie schnell nichts anderes mehr zu erzählen als die Geschichte darüber, wie sie mal reich geworden sind. Was okay ist, aber man muss dafür neue Formen finden.

Dass ihm das nicht mehr gelinge, warfen Kritiker Eminem immer wieder vor. Er schaffe es nicht mehr, so fresh zu sein wie auf The Slim Shady LP und The Marshall Mathers LP, wenngleich sein letztes Album The Marshall Mathers LP II doch recht positiv besprochen wurde. Es gab also Hoffnung. Hoffnung, die aber komplett zerschmettert wurde.

Und so wirkt dieser Text (sehr zu meinem Bedauern, wirklich, ich habe alles versucht) wie ein Eminem-Beerdigungs-Text. Aber es lässt sich nicht anders sagen, Revival ist ein Fiasko. 19 Tracks, 77 Minuten lang, schon nach der Hälfte konnte ich nicht mehr. Die Produzenten (viel Rick Rubin und Alex da Kid) müsste man anzeigen für diesen trashigen Pop-Sau-Sound (dramatische Klaviere, Geschrammel, tatsächlich eine Variation von I love Rock ’n’ Roll und ein Sample von Zombie), und man müsste für Eminem so etwas beantragen wie eine musikalische Vormundschaft, damit er sich bessere Leute sucht und nicht solche Katastrophen-Features wie Pink (WTF?) und Ed Sheeran und Skylar Grey, die in unzähligen gleichklingenden Tracks grauenhafte Heulsusen-Hooks auf Heulsusen-Beats singen, die sich abwechseln mit Eminem, der über "toxic relationships" rappt und dabei das Vokabular verwendet, das wir alle von unseren Therapeuten lernen (My Inner Child, Co-Dependant).

Stattdessen sollte Eminems Therapeut ihm beibringen, dass man nicht mehr back ist, wenn man noch schneller rappt und die Leute lauter anschreit. "Eminem", müsste er sagen, "Sie sind sehr begabt. Vertrauen Sie auf das, was Sie können, nämlich ihre Geschichten gut, radikal und widersprüchlich erzählen." Aber weil Eminem Eminem ist, antwortet er seinem Therapeuten nicht, "Danke, ich denke darüber nach", sondern brüllt: "Fuck you."

Folgerichtig macht er ein Album, das durchzogen ist von Selbstzweifel-Tracks, auf die Selbstermutigungs-Tracks folgen, die wieder von Selbstzweifel-Tracks aufgehoben werden. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt ist Donald Trump, was der Therapeut und ich zunächst für eine super Idee hielten. Aber Eminem rappt ordinäre Trump-Einsichten und kitschigen Amerika-Patriotismus auf dermaßen unerträgliche Beats, dass man ihm nicht zuhören kann. Insbesondere, da einige seiner Texte über Frauen auf dem Album auch von Trump hätten geschrieben werden können und Eminem zwar mitunter klug den amerikanischen Rassismus reflektiert, ihm aber nicht auffällt, wie outdated sein Pussy-G elaber daneben wirkt (womit man umgehen könnte, wenn es wenigstens irgendwie geistreiche, doppelbödige Punchlines wären).

Es ist: heart-breaking. Man sieht einem Superstar dabei zu, wie er in seinem künstlerischen Vakuum erstickt und an seiner Michael-Jackson-haften Isolation leidet. Man sieht ihm beim Scheitern zu, Vollkaracho-Scheitern, das er in seinen Texten vorwegnimmt. Die Schutzlosigkeit, mit der dieses Scheitern ausgeführt ist, wirkt da, könnte man wohlmeinend finden, fast konsequent. Man kann sie lesen als Teil der Eminem-Geschichte, die er seit jeher auf genau diese radikal-schutzlose Weise erzählt. Das ist rührend und traurig und vollkommen unerträglich.