Schnee, dies ist keine Erfindung, besteht aus feinen Eiskristallen, und er erscheint weiß, obgleich jeder einzelne Kristall für sich durchsichtig ist. Doch wird das einfallende Licht durch die Flächen, an denen Kristall und Luft aneinandergrenzen, reflektiert und gestreut. Wenn eine ausreichend große Menge von Eiskristallen zusammenkommt, wird die Reflexion diffus, daher sieht der Schnee weiß aus. Dies noch: Schneeflocken fallen langsam, denn ihre Oberfläche ist aufgrund der Kristallstruktur groß, daher ist der Luftwiderstand hoch, der sie im Fallen bremst. Und weil die lockeren Kristalle viel Luft umschließen, dämmt und dämpft Schnee den Schall.

Stille, Langsamkeit, lichtes Weiß. Als wäre es damit nicht genug, kommt hinzu: Keine einzige Schneeflocke, heißt es, gleiche unter Trilliarden einer anderen, und wenn sie fallen, ist es, als tanzten sie miteinander, ein Schauspiel. Einzigartig in großer Gesellschaft also, formvollendet, sogar kunstschön im Tanz sind die Flocken aus Schnee. Und wie leicht ihnen im Fallen alles fällt: Sie scheinen, indem sie nichts tun, außer vom Himmel zu schneien, leichthin den Zivilisationsmüll zu besiegen, der sonst die Routinen bestimmt – den Krach, das Tempo, die Anonymität in der Masse, das schmutzige Grau. Schnee ist im Grunde zu schön, um wahr zu sein.

Dass es Schnee wirklich gibt, mag eigentümlich genug erscheinen. Doch liegt es an dieser Eigentümlichkeit des Realen nicht allein, wenn Schnee sehr vermisst wird. Ideal soll er sein, möglichst unbefleckt: Auf tauenden Matsch, in den sich Straßendreck mischt, wartet kein Mensch, von ihm erzählt kein Gedicht. Das Warten auf Schnee gilt den makellos weißen Flächen. Winter bedeutet seit der seelischen Aufrüstung des bürgerlichen Zeitalters, dass weiße Schneefelder als eine Verheißung von Ruhe die Welt bedecken mögen wie das gehäkelte Kissen die Lehne.

Schneedecken zaubern die imaginäre Kindheit wieder herbei, in der die Allmacht darin lag, eigene Spuren im Makellosen zu hinterlassen, Schritt für Schritt, mit dem Schlitten oder indem der ganze Körper sich zu Schneebildern in das Weiß fallen ließ. Schnee ist der Stoff, aus dem Lindgrens Kinderromane und Adornos Idee von der kindlichen Kreativität gemacht sind.

Lange bevor es so weit kam, dass norddeutsche Bäume auch im Dezember noch ihre vergilbten Blätter tragen, wurde die weiße weltliche Weihnacht zur universalwestlichen Kinderhoffnung, in der alles Entsetzliche wenigstens einmal im Jahr von reiner Unschuld überdeckt sein sollte. Zugeschneit, eingeschneit, unsichtbar, und man selbst spaziert los, ins Unendliche. Nichts kann daher für die Vorstellungskraft entsetzlicher sein, als wenn Kinder spurlos im Schnee verschwinden, wie es Brechts Gedicht vom Kinderkreuzzug 1939 über eine Gruppe umherirrender Kriegswaisen erzählt: "Wo einst das südöstliche Polen war / Bei starkem Schneewehen / Hat man die fünfundfünfzig / Zuletzt gesehn".

Wann schneit es? Endlich schneit es! Selbst Idealität reicht nicht aus, um das Warten auf Schnee zu verstehen, um beispielsweise zu begreifen, warum ein läppischer Schlager über die Sehnsucht nach weißer Weihnacht zur meistverkauften Single aller Zeiten avancierte. Im Schnee ruht ja viel mehr als nur eine Chimäre von Frieden. Komponiert 1940, circa 50 Millionen Mal an den Kunden gegangen, beschwört Bing Crosbys White Christmas seit den Kriegsjahren, dass im Weihnachtsschnee den Menschen ein wiederkehrendes Immergleiches begegnen möge: Schnee, wie wir ihn seit Urzeiten kennen, solle in alle Ewigkeit wiederkehren. Dabei war Schnee damals keineswegs knapp, durchaus nicht, es waren die Jahre, in denen etwa, November 1940, ein Schneesturm ganz Minnesota lahmlegte und ein Blizzard, November 1949, in Wyoming und Nebraska den totalen Stillstand erzwang.

Nicht um das Bangen, ob überhaupt Schnee in der Luft liegt, sondern um sein naturordentliches Alle-Jahre-wieder geht es dem vorweihnachtlichen Warten auf Schnee. Als verspreche Weihnachten, mithin Jesu Geburt, nicht präzise das Gegenteil: keine mythische Wiederkehr, sondern dass ein neuer Anfang in die dunkle Welt komme, der alles Irdische in neuem Licht erscheinen lässt. Im historischen Bethlehem geschah das ganz ohne Schnee. Weiße Weihnachten: Das hieß im Grunde, eine menschheitsgeschichtliche Aporie grandios neu zusammenzunageln und den Einbruch des radikal Neuen in die Geschichte feierlich mit dem guten alten naturverhafteten Schnee-Mythos zu verkleben. Passt. Aufs Ganze gesehen, wären das, zweifellos, frohe Weihnachten.