Mit Seilbahnen spaßt man nicht. Nicht in der Schweiz. Das musste auch der Mann erfahren, der wie kaum ein anderer weiß, was die Schweizer suchen, wenn sie auf den Berg fahren. Reto Gurtner, Chef der Bergbahnen von Laax, Flims und Falera, gilt als Wunderwuzzi der Branche. Lift für Lift, Piste für Piste, Hotel für Hotel baut er sein Gebiet zu einem riesigen Resort um, in dem alle Fäden und alles Geld bei ihm zusammenlaufen: bei seiner Weissen Arena AG.

Aber auch einer wie Gurtner kann sich nicht alles erlauben. Nicht, wenn es um eine Seilbahn geht. Vor zehn Jahren war es, da verkündete er seine Pläne, die Bahn auf den Cassons abzureißen. 1956 gebaut, gehörte eine Fahrt in den roten Gondeln zu den spektakulärsten Alpenerlebnissen: Zum Greifen nah schien der Fels des Flimsersteins. Doch die Bahn war alt, die Konzession des Bundes lief aus. "Tagträumer", schimpfte Gurtner all jene Einheimischen und Feriengäste, welche die alte Bahn bewahren, sie sanieren und als Oldtimer-Gondeli in die Zukunft retten wollten. Die "Revolution am Berg", von der Gurtner so gerne spricht, kam ins Stocken.

Wieso die Schweizer derart an ihren Bahnen hängen, sie Hunderttausende von Franken für deren Erhalt spenden, das zeigt die Ausstellungstrilogie Luft Seil Bahn Glück im Gelben Haus in Flims, im Nidwaldner Museum in Stans und im Heimatschutzzentrum in Zürich. Eine Gondel- oder Sessel-, eine Standseil- oder Schwebebahn, das, so wird schnell klar, ist hierzulande mehr als ein Transportmittel – jede ist ein Stück Kultur.

Und über Kultur lässt sich wunderbar streiten. Das wissen auch die Ausstellungsmacher. Es war der Schweizer Heimatschutz, der für den größten aller Seilbahnkräche in der jüngeren Geschichte mitverantwortlich war. Tatort: ein Jurahügel bei Solothurn. Doch die Höhe des Bergs korreliert nicht mit der Schärfe des Streits. Im Gegenteil. Die Frage, was mit dem Nostalgie-Sessellift von 1950, dem "Sässeli", der weltweit ersten kuppelbaren Bahn auf den Weissenstein, geschehen soll, entfachte 2004 einen juristischen Kleinkrieg. Er dauerte ein ganzes Jahrzehnt. Schließlich gewannen die Modernisten. Heute gondeln die Mittelland-Touristen in Sechserkabinen auf den Hoger.

Die erste Luftseilbahn der Schweizer Alpen führte 1908 von Grindelwald aufs Wetterhorn. Aber der Erste Weltkrieg vergällte den Pionieren das Geschäft, die Touristen blieben aus, die Bahn ging bankrott, wurde zerlegt, und ihre Gondeln nahmen den Weg, den alles Technisch-Irdische in der Schweiz nimmt – sie kamen nach Luzern ins Verkehrshaus. Erst mit dem Skiboom in den dreißiger Jahren wurden die Alpen Piz für Piz, Grat für Grat, Crap für Crap mit einer Bahn erschlossen. Günstigere Bügel-, Sessel- und Gondellifte lösten zügig die schnellen, aber teueren Standseilbahnen ab. Parallel dazu entstand eine helvetische Seilbahn-Industrie.

Doch Ende der siebziger Jahre war der Boom vorbei, als der Bund entschied, neue Konzessionen für Bahnprojekte nur noch dann zu vergeben, wenn sie in sein Tourismuskonzept passten. Gleichzeitig erkannten die Bergkönige: Nicht allein ein erschlossener Gipfel ist ein guter Gipfel. Auch mit Natur lässt sich Geld verdienen.

Trotzdem blieb der Alpenverkehr ein spektakuläres Vergnügen. Am Titlis rotieren seit bald dreißig Jahren die Seilbahnkabinen um die eigene Achse, aufs Stanserhorn pendelt seit 2012 eine Cabrio-Bahn mit offenem Oberdeck, am vergangenen Sonntag wurde die steilste Standseilbahn der Welt auf den Stoos eröffnet – und auch am Cassons wird bald neu gebaut.

Nicht weniger als die weltweit größte Seilbahn hat Reto Gurtner den Flimsern versprochen. 250 Menschen sollen ihre kugelrunden Kabinen fassen, ihre Masten bis zu 150 Meter in die Höhe ragen. Und gebaut wird die Erlebnisbahn von einem Sohn des Dorfes, dem Architekten Valerio Olgiati. In zwei Jahren ist Eröffnung.

"Luft Seil Bahn Glück". Eine Ausstellungstrilogie im Heimatschutzzentrum Zürich, dem Gelben Haus in Flims und dem Nidwaldner Museum in Stans. Vernissage in Flims ist am 23. Dezember. www.luftseilbahnglueck.ch