Weltweit ist eine leise Revolution im Gange, die Millionen von Menschen betrifft: Noch nie hat sich die weltweite Armut so schnell verringert wie in dieser Generation. In den vergangenen 25 Jahren ist die Anzahl extrem armer Menschen, die von weniger als 1,90 US-Dollar am Tag leben, um zwei Drittel gesunken. Gesundheit und Bildung der Ärmsten nehmen trotz wachsender Weltbevölkerung zu. Sowohl die weltweite Kindersterblichkeitsrate als auch der Anteil der Analphabeten haben sich seit 1990 um mehr als die Hälfte verringert.

Worauf sind diese Verbesserungen zurückzuführen? Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur von akademischem Interesse. In Deutschland wurden 2016 über fünf Milliarden Euro für wohltätige Zwecke gespendet, oft an Organisationen, die in Entwicklungsländern Armut bekämpfen. Sind diese Spenden sinnvoll, oder richten sie womöglich sogar Schaden an? Wofür sollte man spenden? Bildung, Gesundheit oder doch Korruptionsbekämpfung?

Das Grundproblem heißt Endogenität: Vieles bedingt sich gegenseitig, und eine Vielzahl von Faktoren kann für eine gegebene Entwicklung verantwortlich sein.

Die moderne Sozialwissenschaft hat robuste Methoden entwickelt, die die Wirksamkeit spezifischer Interventionen auf die Armutsreduktion messen. Eine besonders wichtige Technik sind randomisierte, also auf Zufallsauswahl basierende, Studien. Ähnlich wie in klinischen Versuchen in der Medizin werden damit mögliche Maßnahmen zur Armutsbekämpfung getestet, indem eine Versuchs- und eine Kontrollgruppe zufällig ausgewählter Personen ein bestimmtes Programm bekommt beziehungsweise nicht bekommt. Die zufällige Zuteilung des Programms erlaubt es, entstehende Unterschiede zwischen den Gruppen eindeutig auf das Programm zurückzuführen.

Nehmen wir das Beispiel Bildung. Was wirkt besser: Stipendien für leistungsstarke Schüler oder kostenlose Schuluniformen? Mit einer 100-Euro-Investition in Hilfsprogramme mit exakt definierten Bedingungen konnte man in Malawi, über die Schüler verteilt, einen Monat zusätzlichen Schulbesuch eines Kindes erzielen. Kostenlose Schuluniformen in Kenia bringen acht Monate. Doch den größten Effekt erzielt man mit einer medizinischen Intervention. Mit Medikamenten zur Entwurmung lassen sich, über alle Schüler aufsummiert, fast 14 Jahre zusätzlichen Schulbesuchs pro 100 Euro erzielen. Mit solchen Ergebnissen kommen Spender weiter. Aufgrund dieser Erkenntnis werden heute weltweit jährlich über 200 Millionen Kinder mit Entwurmungsmedikamenten behandelt.

Ähnlich präzise Vorhersagen lassen sich auch für Korruption, Steuern oder Wahlverhalten machen. Wenn man nicht randomisieren kann, stehen andere Methoden zur Verfügung: Plötzliche, punktuelle Veränderung von Gesetzen oder die Beschränkung von Programmen nach Alter oder Geografie schaffen "natürliche Experimente", mit denen sich die Auswirkung der Programme messen lässt. Je besser die empirische Faktenlage ist, desto weniger Platz bleibt für ideologische Grabenkämpfe.

Mit dieser Verbesserung der Datenlage ändert sich die Spendenkultur. Eine neue Bewegung sogenannter effektiver Altruisten lässt sich nicht mehr von schockierenden Bildern zum Spenden bringen, sondern verlangt von Hilfsorganisationen rigorose Selbstanalyse und harte Fakten. Mehrere Organisationen, darunter www.GiveWell.org und www.GivingWhatWeCan.org, bewerten Hilfsorganisationen aufgrund ihrer Wirksamkeit und sprechen Empfehlungen für effektives Spenden aus.

Diese Entwicklung klärt ein weitverbreitetes Missverständnis auf: Nur weil die Motivation für Spenden oft emotional gesteuert ist, bedeutet das nicht, dass die Durchführung nicht von Fakten geleitet werden kann: Das Herz motiviert zum Spenden, aber der Kopf entscheidet über die Umsetzung. Schließlich ist der Maßstab für echten Altruismus nicht, wie gut sich der Geber fühlt, sondern welche Verbesserungen für die Empfänger erzielt werden.